Vaters letzte Aufzeichnungen

 

März - Juni 1997

 

 

1 Tag im Krankenhaus – ideal!

8 Tage im Krankenhaus – fast Urlaub.

16 Tage im Krankenhaus – fast auch.

Alles, was darüber hinausgeht, ist unerträglich. Seit 5. März[1] bin ich nun hier[2]. Die 11te Woche beginnt.

Und ich, der Patient – Was hat man nun mit mir gemacht? Ungezählte Röntgenaufnahmen, Szintigramm, radiologische Untersuchung. Endpunkt immer eitrige Wunde, die nicht heilt. Ein Bypass im linken Bein wurde gelegt. Nach tagelangen Überlegungen. Eigentlich gut geheilt. Die Durchblutung ist besser. Aber heilen? Heilen tut die Wunde nicht.

 

So liege ich hier, Ostern, Weißen Sonntag, Pfingsten. Johanna war 3 x hier, ebenfalls Heinrich. Sonst rufen sie fleißig an.

Maria – unermüdlich kommt sie 2 x am Tag. Wenn ich was brauche, besorgt sie es. Das Essen an sich ist gut, trotz Zuckerdiät. Die Schwestern versuchen vor dem Essen den Blutzucker zu messen. Manchmal gelingt das auch.

Meistens nicht. Alle Einwegspritzen sind abends zerborsten, zerdrückt auf der Suche nach Blut. Das Labor macht wohl 2 x in der Woche ein Tagesprofil. Aber hier arbeitet jeder für sich um seine Daseinsberechtigung.

 

Wie viele Visiten habe ich schon erlebt? Fast jeden Tag. Die Chefvisite, mit im Gefolge Stationsarzt und ein anderer Arzt.

Wie geht es? Die Wunde sieht gut aus. Weiter so, wie bisher. Und das Geschwader rauscht davon.

Dann einfache Visite, Stationsarzt mit Schwester. In meinem Fall, Ärztin Frau Dr. Tigges. Meine Akte: Ibuprofen, Antibiotika, vorher Prostagladin zur besseren Durchblutung der Venen.

 

Erst dann oder gleichzeitig mit der Visite Frühstück. 2 Tassen Kaffee, 1 Roggenbrötchen, 1 Scheibe Vollkornbrot, 10 g Butter, 1 Buko, 1 Scheibe Wurst. Im Anfang ging das, schmeckte auch, aber so langsam aber sicher wird man es leid, es sieht[3] und schmeckt alles egal. Auch zu Mittag Diabetiker-Menü, man bemüht sich ja, was Abwechslung reinzubringen, aber wenn man länger hier ist, ist und bleibt es 4-Wochentakt.

Abends ist es ganz schlimm, der Geruch desselben Käses, kalorienarm, und Wurst läßt keine Lust zum Essen aufkommen. Da hilft nur eins, was von Zuhause mitbringen lassen. Dann geht es, mal Stinkkäse [Harzer Roller] und einfache Blutwurst.

 

Mittwoch, 13. 5.[4]: Heute war Minchen Kusters da, hatte es gut gemeint, brachte mir ein Glas gezuckerte Erdbeeren mit. Anstatt frisch ohne Zucker. Viel hat sie erzählt, von Manfred und Jutta. Daß Ralf arbeitslos ist u. s. w.

 

Gestern ging mein Bettnachbar nach Hause, nach Rindern bei Kleve. Hatte ich nun gedacht, da könnte kein Schlimmerer kommen, da hatte ich mich getäuscht, der war ja harmlos in seinem Gesundheitswahn: Becel, Natreen. Der jetzt kam, ist ein Küster, Kommunionhelfer, Gesangsbruder, und so krank, daß ich mich wundere, frage, wie er überhaupt herkam, und wenn es überhaupt ein Leiden gibt, das es nicht gibt, dann hat er es.

Ich bin froh, daß er am Freitag nach Hause geht. Seine Frau sagte, das ist noch nichts, den müssen Sie mal zu Hause hören!

Pfingsten kam ein Bergmann aus Xanten, 66 Jahre, Krampfadern, Dienstag operiert, Samstag mit Stützstrümpfen nach Hause. Das nenne ich flotte Bedienung, fertig. Der hat geschlafen und nichts gemerkt. Schön. Was sind wir da arme Würstchen, wir Durchblutungsgestörte!

 

Montag[5]  war Heinrich da, schön haben wir draußen gesessen. Ich laufe wieder. Habe nun aber Muskelkater.

 

Ja, nun bin ich auf die Füße, laufe mit Gehhilfe gut. Habe nur nach Tagen Muskelkater, soll aber weiterlaufen.

Die Wunde sieht gut aus, 2 Tage spült die Stationsärztin, aber es kommt fast nichts. Die Wunde soll gut heilen.

 

An eine Entlassung denkt [man] wohl noch kaum. Aber ich denke daran. Nun ist es ja so – Maria hat sich verpflichtet, für mich zu sorgen – und, wie ich annehme, gern, denn ihr steht ja alles zu: Haus, Garten, einfach alles. Und 400 DM Pflegegeld für Stufe 1 bekommt sie auch. Nun merke ich aber, daß sie froh sind über jede Woche, die ich hier bin. Ich habe sie heute morgen gefragt, ob sie mich nun ganz entmündigen will. Ich könne mich allein nicht versorgen und sie müsse im Juli zur Kur. Und Josef wäre im Lager. Ich müßte dann für 3 - 4 Wochen ins Altersheim.

 

Das laß ich mir nicht bieten! Ich soll vom Krankenhaus noch ¼ Jahr ins Altenheim? Dann hätte ich auch sofort ins Altenheim gehen können, für im Monat 3.500 DM, wenn das reicht?

 

Wenn ich schon nicht 3 Wochen allein sein kann. Der Enkel wäre ja auch da? Dann soll jemand für ein, 2 - 3 Stunden ins Haus kommen. Gegen Entgelt, 10 DM die Stunde möchte ich zahlen.

Da hatte ich Kontakt mit Frau Möllers, Harrys Frau, der ja gestorben ist. Die war hörbar allein. Aus der Einladung zu kommen wurde dann, leider durch Maria, eine Bitte, 3 Wochen für mich zu sorgen. Und das täte sie auch. Aber Maria in ihrer Aktivität sucht und sucht. Lisa[6], Nachbarschaft ist vollkommen unmöglich. Die reden mir von guter Nachbarschaft, aber praktisch? Wenn schon jemand im Hause, dann die Frau Möllers. Die hat auch ein Auto.

 

Jedenfalls nicht ins Altenheim!

 

Ich komme mir nach allem wie verraten vor. Nun, noch bin ich hier, gehe erst mal am Sonntag nach Hause, da schläft wohl Maria bis 15 Uhr. Aber ich bin zu Hause, und ich werde schon was zu essen bekommen.

 

Und ich bin ja noch nicht tot, noch nicht!

 

Wollen wir doch mal sehen.

 

Am Samstag hieß es, die Wunde sieht gut aus. Etwas Eiter noch oberhalb, das wollen wir am Montag ausputzen, O. P., und Sie können ja nicht Weihnachten noch hier [ver]bringen! Also voraussichtlich Ende der Woche Entlassung. Ambulant. Balsam für meine Gemütsstimmung, zum 1. x was von Entlassung hören. Jetzt liege ich hier, die Schmerzen kommen vom Auskratzen, aber läßt sich aushalten.

 

Das Zimmer ist wieder voll. 2 neue kommen dazu. Jetzt sind wir wieder 4 Durchblutungsgestörte. Ich nehme wieder Traumal-Tropfen.

 

Doch nicht Wochenende, sondern am Montag Entlassung. Und jeden Tag ambulant verbinden. Wer verbindet denn da? Doch wohl nur 1 Schwester, im günstigsten Fall eine MTA. Ob der Arzt sich das jeden Tag ansieht, wie er sagt, ist fraglich.

 

Maria ist doch auch eine examinierte Schwester. Da könnte die das auch verbinden und dann 3 x die Woche nachsehen?

Aber hinter dem Geheimnis - Krankenhaus kommt wohl niemand.

 

 

Nun bin ich doch am Montag entlassen worden mit der dringlichen Auflage, jeden Tag in der Ambulanz vorzusprechen und verbinden zu lassen. Aber schon am 2. Tag entschied der Chef, Dr. Peveling, zum Hausarzt zu überweisen. Und schon hatten wir Schwierigkeiten mit der Wunde.

 

Nachwort

Vater starb am 6. Februar 1998, In diesen Aufzeichnungen wird sein Humor offensichtlich, aber auch seine Wut über seine Abhängigkeit und Ungesichertheit, die durch seine Erkrankung bedingt waren.

 

Kurz vor seinem Tod sagte er: „Womit willst Du einen alten Mann erschrecken? Der ist doch auf alles gefaßt!“ An dieser Äußerung merkte ich, daß er die Angst vor dem Tode verloren hatte.

 

Er starb, im Reinen mit sich selbst und mit allen.

 

 

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2025

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[1] Mittwoch, 5. März 1997.

[2] Im Marienhospital Kevelaer.

[3] [alles gleich aus]

[4] Der 13. 5. 1997 war ein Dienstag.

[5] Pfingstmontag, 19. 5. 1997.

[6] Vater schrieb „Anna“.