Der Gedanke der Anthropodizee 9
Damit hängt schließlich auch
die in dem Gespräch zwischen Philosophie und Theologie immer wieder
aufgeworfene Frage zusammen: "Wie kann ein Glaube, der sich auf ein
geschichtliches Ereignis gründet, eine höhere Wahrheit für sich in Anspruch
nehmen als die Wahrheit der Vernunft?" (L.Landgrebe, S. 10.). Werner
Beierwaltes hat sich in einem Aufsatz (16) einer Verhältnisbestimmung von
Philosophie und Theologie gewidmet und fasst seine Erkenntnisse mit einer These
zusammen, nachdem er zuvor Karl Rahners Satz zitiert hat: "Eine
unphilosophische Theologie wäre eine schlechte Theologie" (a.a.O., S.
186): "Dass christliche Theologie sich gänzlich von Philosophie isoliere,
ist weder sachlich noch geschichtlich möglich, weil das 'Wort der Offenbarung'
im materialiter immer schon bestimmten Horizont menschlichen Denkens gesprochen
wurde. Dass christliche Theologie sich wesentlich von Philosophie her begreife,
so sehr, dass Philosophie zum inneren Moment von Theologie wird, ist weder
notwendig noch erstrebenswert, weil eine durch Philosophie überformte oder auch
nur wesentlich von ihr geprägte Theologie das in ihr spezifisch Christliche
nicht ohne konsequenzenreiche Missverständnisse zu artikulieren imstande
ist" (17).
Hans Urs von Balthasar
schreibt in seiner Einleitung zum Bd. 1 ("Wahrheit der Welt") seiner
Theologik im Blick darauf, dass die Vernunft auch die philosophische Wahrheit
zu durchdringen habe: "Versäumt man diese philosophische Vorarbeit, so
leidet darunter am meisten die Theologie, die sich dann auf nichts anderes
stützen kann als auf einige trockene, abstrakte Begriffe, und dadurch in Gefahr
gerät, ihren Eigengehalt aus Mangel an zubereitetem Material nicht allseitig
genug entfalten zu können. Wird sie sich dieses Mangels bewusst, so pflegt sie
sich in einer eigenen, neben der allzu abstrakten Begrifflichkeit der
'Scholastik' errichteten, eigens für ihre theologischen Zwecke ausgesuchten
Terminologie [...] niederzulassen und damit erst recht die Kluft zwischen
beiden Bereichen zu verewigen. Dieser Weg ist für Philosophie wie für Theologie
verderblich, er ist nichts als der Ausdruck einer verzweifelten Resignation der
Theologie gegenüber dem Ungenügen des ihr zur Verfügung gestellten
philosophischen Begrifflichkeit" (18).
Da – nach Berdjajew – die
Tragödie des Weltprozesses durch die Kräfte des natürlichen Menschen ("des
alten Adam") nicht auflösbar ist, muss ein neuer Adam erscheinen, der die
menschliche Freiheit wiederherstellt (19). "Mit dem Erscheinen Christi des
Gottmenschen beginnt der achte Tag der Schöpfung". Die alte
anthropologische Epoche geht zu Ende, und der Mensch wird beauftragt, am Werk
der göttlichen Weltschöpfung neu teilzunehmen, ein Zentralgedanke Berdjajews,
den er in einem seiner Hauptwerke "Der Sinn des Schaffens" (20) breit
entfaltet hat. Berdjajew weist mit Emphase darauf hin, dass der Weltprozess
sich nicht in der Erlösung erschöpfen kann, weil solch ein Vorgehen die
gottähnliche Würde des Menschen herabsetzen würde. Vielmehr gilt: "Gott
erwartet vom Menschen mehr. Die absolute christologische Wahrheit ist mit ihrer
einen Seite der Erlösung von der Sünde und der Errettung von dem Bösen
zugewandt; mit ihrer anderen Seite wendet sie sich dem positiven schöpferischen
Beruf des Menschen zu, offenbart den Menschen der Christologie" (21).
Berdjajew macht also darauf aufmerksam, dass in der neutestamentlichen Wahrheit
nur ein Teil der christologischen Wahrheit über den Menschen ausgesprochen ist,
soweit es sich um Erlösung und Errettung handelt – während die schöpferischen
Ziele des Menschen im Verborgenen bleiben. Schöpfertum und Erlösung stehen also
in einer Spannung zueinander, wobei Berdjajew etwa gegenüber Paulus, Augustin
und Luther dem Schöpfertum den Vorrang vor der Erlösung einräumt.
In diesem Zusammenhang legt
es sich nahe, einmal Matthew Fox, dessen originelles, vor zehn Jahren
erschienenes Werk in der Vergangenheit leider nur unzureichende Beachtung
gefunden hat, zu zitieren: "Zuviel Schuld, Introspektion und Beschäftigung
mit Gesetz, Sünde und Gnade ließen Augustinus und die ihm folgende Theologie
vergessen, was die Ostkirche als die theosis feiert, die Vergöttlichung
des Kosmos. Die Voreingenommenheit hinsichtlich der Frage der persönlichen
Erlösung zerstörte die Gerechtigkeit und die kosmische Verbundenheit. Der
ostkirchliche Theologe [besser: Denker] sah das deutlich: 'Die zentrale Idee
der östlichen Kirchenväter war die theosis, die Vergöttlichung aller
Kreaturen, die Transfiguration der Welt, die Idee des Kosmos, und nicht die der
persönlichen Erlösung'" (22).
Der russische Denker
N.Berdjajew hat ein Thema in den Mittelpunkt unserer Betrachtung gestellt, das
an die Tiefe eines Mysteriums rührt: "Im Evangelium selbst ist kein Wort
vom Schaffen enthalten." Jedenfalls offenbart Christus explizit noch
nichts vom schöpferischen Geheimnis des Menschen. Ebenso haben sich auch die
Kirchenväter dieses Themas nicht angenommen. So wird durch allgemeines
Schweigen der Wert und die Qualität schöpferischen Tuns – weil nicht beim Namen
genannt – ungebührlich herabgesetzt. Und dennoch gilt: "In dem Werk des
Schaffens ist der Mensch gleichsam sich selbst überlassen, hat er keine direkte
Hilfe von oben. Und darin zeigt sich die große göttliche Weisheit" (23).
Es wird also das Schweigen des Evangeliums über das Schaffen besonders
geschätzt. Dies führt den Autor zur Aussage, dass schöpferisches Tun als ein
Akt eines höheren Bewusstseins zu verstehen ist und deshalb nicht von der Bibel
gewiesen und dann im Gehorsam vollzogen werden können, weil sie dann keine
freie Antwort des Menschen auf Gottes Ruf wären. Aus diesem Grunde bleibt das
Geheimnis des Schaffens verborgen und verhüllt, weil dieses Schaffen als Akt
des Menschen von unten und nicht von oben geschieht.
Dieses Schaffen versteht sich
also als eine anthropologische und nicht als eine theologische Offenbarung.
Ergänzen wir diese Bemerkungen um Originalzitate: "Hierin [im Akt freien
Wagens] liegt das große Mysterium vom Menschen verschlossen. Es kann keine
göttliche Offenbarung dieses Mysteriums geben; die Verhüllung dieses Mysteriums
ist unvermeidlich. Das schöpferische Mysterium wird dem Menschen verschlossen
und durch den Menschen erschlossen. Es ist das ein esoterisches Mysterium der
göttlichen Offenbarung und der Heiligen Schrift" (24).
In gleicher Richtung
interpretiert M.-M.Davy in ihrem Buch "Nicolas Berdiaev ou la révolution
de l'Esprit" [N.Berdjajew oder die Revolution des Geistes] die
Zusammenhänge. Sie stellt fest, dass – nach Berdjajew – drei Offenbarungen sich
folgen: die des Vaters im Alten Testament, die des Sohnes im Neuen Testament.
Diesen beiden ersten Offenbarungen folgt die Offenbarung des Menschen als des
Schöpfers. Diese dritte Offenbarung ist die Konsequenz der
"kosmo-anthropologischen Offenbarung", die essentiell religiös ist
und auf die Bitte des menschlichen Bewusstseins antwortet. Diese Deutungen
erinnern an das "ewige Evangelium" des Joachim von Fiore wie ebenso
an die Kommentare von Franz von Baader, die "Drei Testamente"
betreffend, die den drei historischen Epochen entsprechen. Die
geistesgeschichtlichen Nachwirkungen Joachims erstrecken sich bis ins 20.
Jahrhundert. So erwartete auch der Psychologe C.G.Jung "eine dritte
Offenbarung", die – ähnlich wie N.Berdjajew es ausdrückte – "nicht
mehr an, sondern aus dem Menschen, als einen neuen und umfassenderen
Bewusstseinszustand, in dem alle bisherigen, von außen kommenden
'Offenbarungen' integriert sind. Wie die meisten von Joachim mittelbar oder unmittelbar
beeinflussten Denker – und Jung hat Kenntnis von den Lehren Joachims –
verkündet damit der Psychologe die völlige Immanenz und Humanisierung des
Göttlichen, die Integrierung des Geistes im Menschen" (25).
Ernst Benz schreibt:
"Ausgangspunkt ist für Joachim das Wort 2 Kor 3,17: 'Wo der Geist des
Herrn ist, da ist Freiheit'. Joachim hat sich auf dieses Wort an zahlreichen
Stellen seiner Schriften immer aufs neue berufen […]. Die volle Freiheit des
Geistes aber ist nicht von Anfang an von Gott den Menschen gegeben, sondern
tritt erst als letzte Entwicklungsstufe am Ende eines langen,
heilsgeschichtlichen Prozesses hervor. Ja, die Herbeiführung des Reiches der
Freiheit ist das eigentliche Ziel der Heilsgeschichte, die als das Ziel einer
progressiven Verwirklichung der gottgeschenkten Freiheit erscheint. Auch die
Freiheit ist nicht das Produkt einer innerweltlichen Entwicklung, sondern das
Geschenk einer gottgewirkten Heilsökonomie, die ständig schöpferisch in die
Geschichte hineingreift" (26).
Joachim sah, dass das
petrinische vom johanneischen Zeitalter abgelöst werden sollte. Visionär
verkündete er, dass die Papstkirche absterben und in der dritten Zeitstufe
durch eine Geistkirche ersetzt werden sollte. Benz erläutert: "Auf diese
Weise ist Joachim zum Schöpfer jener Erwartung von johanneischem Christentum
als der letzten und höchsten heilsgeschichtlichen Form des Christentums
geworden, einer Erwartung, die in der christlichen Geschichtstheologie eine so
nachhaltige Wirksamkeit entfalten sollte und die bis hinein in die
Geschichtstheologie der deutschen Romantik bei Franz von Baader, Fichte, Hegel
und Schelling die Geister beherrschte und deren Nachwirkungen sich noch in der
russischen Religionsphilosophie bis Solowjew und Berdjajew hin feststellen
lassen" (27).
Ganz im Sinne des Joachim von
Fiore und seiner Vorstellung des dritten Reiches des Heiligen Geistes zitiert
die Autorin den russischen Philosophen Berdjajew mit seinen Worten: "La
création est la dernière révélation de la Sainte Trinité, sa révélation anthropologique"
(S. 117). Sie erläutert ihre Sicht (hier übersetzt) so, indem sie Gedanken von
Dimitrij Mereschkowskij (Le Mystère des Trois) aufnimmt: "Das Erste
Testament betrifft die Religion Gottes in der Welt, das Zweite Testament des
Sohnes ist die Religion Gottes im Menschen, die des Gott-Menschen; das Dritte
ist die Religion Gottes in der Menschheit, die der Gott-Menschheit. Der Vater
inkarniert sich im Kosmos, der Sohn in dem Logos, der Geist in der Einheit des
Logos mit dem Kosmos, in der Theantropie" (a.a.O., S. 116). M.-M.Davy
interpretiert: "Nach Berdjajew besitzt die dritte Offenbarung keineswegs
ihre geheiligte Schrift: 'Sie wird keine Stimme von oben sein: sie wird sich im
Menschen und in der Menschheit erfüllen, sie wird die anthropologische
Offenbarung sein, die Entdeckung der Christologie des Menschen'" (a.a.O.,
S. 116). Die Interpretin fährt fort: "Diese Offenbarung ist durch den
Menschen gegeben. In der ersten Phase ist Gott für den Menschen transzendent,
in der zweiten wird er ihm immanent; in der dritten [Phase] bietet der Mensch
Gott seine Antwort an" (a.a.O., S. 116). Die französische Autorin, die
noch mit Berdjajew persönlich bekannt war, erläutert dieses schöpferische
Geheimnis so, dass sie sagt: "Das Mysterium der Erlösung und das Mysterium
der Schöpfung korrespondieren auf unterschiedlichen Stufen des gleichen
religiösen Dramas miteinander […]. Wenn der Mensch zurückweist, ein Schöpfer zu
sein, so ist er hier einem zweiten Fall preisgegeben. Wenn er von Gott diese
dritte Offenbarung erwartet, die sich in der Ordnung der Schöpfung
manifestiert, wäre es eine Weigerung, die Realität seines Dialoges mit Gott und
seine Rolle im Kosmos anzuerkennen. Der neue Mensch muss seine Berufung
meistern und seine schöpferische Verantwortung bezeugen" (28).
So kann M.-M.Davy den
russischen Autor zustimmend zitieren: "Der Fall des ersten Adam ist ein
kosmisches, unentbehrliches Moment in der Offenbarung des neuen Adam. Er [der
Fall] ist der Weg, gebahnt zur Fülle durch eine Reihe von Auflösungen […]. Der
Fall Adams war noch nicht die Lösung des Schicksals der Welt. Es war nur die
Prüfung seiner Jugend. Der Erste Adam war noch nicht in das Geheimnis der
göttlichen Trinität eingeführt und deshalb kannte er noch nicht die
schöpferische Freiheit und war noch im Anfangsstadium des Schöpfertums"
(29).
Die Interpretin kann also die
"dritte Offenbarung" als die Krönung der beiden vorangehenden
Offenbarungen betrachten, weil das Gesetz (Erste Offenbarung des Alten
Testaments) und die Erlösung (Neues Testament) eine neue Ära erzeugten, in der
sich eine neue religiöse Erfahrung von unterschiedlicher Essenz herausbildet:
"Die Schöpfung wurde nicht durch die Religion zum Sein zugelassen oder
gerechtfertigt, die Schöpfung (oder das Schaffen) ist selbst die Religion […].
Die Schöpfung ist die letzte Offenbarung der Heiligen Trinität, ihre
anthropologische Offenbarung" (a.a.O., S. 117). Daraus folgt für
M.-M.Davy: "Lange hat die Welt das Bewusstsein dieser Realität nicht
begriffen, der Akzent wurde auf die Schwäche des Menschen und nicht auf die
Würde seiner schöpferischen Kraft gelegt. Jetzt enthüllt sich die wahrhafte
Natur des Menschen. Die Natur des Menschen ist schöpferisch 'weil er das Bild
und Gleichnis des Schöpfergottes ist' [Berdjajew]. So ist also – mit Berdjajew
– zu schließen: 'Der Mensch erwartet die Geburt Gottes in sich. Gott erwartet
die Geburt des Menschen in sich. In dieser Tiefe muss das Problem des Schaffens
gestellt werden'". "Die Betrachtung des Sublimen, des Schönen, der
Harmonie impliziert ein Moment schöpferischer Ekstase […]. Das Genie ist ein
besessener Mensch; aber er ist ein Schöpfer" (aus: Berdjajew,
"Selbsterkenntnis"). Oder: "in der dritten Epoche schließlich
offenbart sich der göttliche Charakter der schöpferischen Natur des Menschen
und die göttliche Macht wird zur menschlichen Macht. Die Offenbarung über den
Menschen ist doch schließlich die göttliche Offenbarung der Trinität. Das
letzte Geheimnis liegt darin, dass das göttliche und das menschliche Mysterium
ein Mysterium sind, wie Gott in sich das Geheimnis des Menschen bewahrt und im
Menschen das Geheimnis Gottes […]. Die göttliche 'Entwicklung' erfüllt sich im
Menschen. Indem er sein Antlitz enthüllt, enthüllt der Mensch das Antlitz
Gottes" (30).
Der russische Denker fasst
zusammen: "Durch das Mysterium der Erlösung wird der Mensch in eine neue
Kreatur umgewandelt [vgl. 2 Kor 5,17f; Röm 8,22]. Aber der schöpferische Beruf
des Menschen selbst wird weder im Alten noch im Neuen Testament zwingend
offenbart. Das Schaffen ist ein Werk der gottgleichen Freiheit des Menschen,
die Entfaltung des Bildes vom Schöpfer in ihm [vgl. 1 Kor 3,9 "Wir sind ja
Gottes Mitarbeiter"]. Das Schaffen ist nicht im Vater und nicht im Sohn,
sondern im Geiste und geht darum über die Grenzen des Alten und Neuen Testaments
hinaus. Wo der Geist ist, da ist auch die Freiheit, da ist auch das Schaffen.
Das Schaffen ist im prophetischen Geist. Der schaffende Geist kann nicht seine
Schrift haben und kennt keine Vorschriften. Er entfaltet sich in Freiheit. Der
Geist weht, wo er will [vgl. Joh 3,8]. Das Leben im Geist ist ein freies und
schöpferisches Leben. Im Schaffen von unten offenbart sich das Göttliche im
Menschen durch die freie Initiative des Menschen selbst und nicht von oben. Das
Wehen des Geistes ist nicht nur göttlich, sondern auch gottmenschlich"
(31). "Gott erwartet vom Menschen höchste Freiheit, die Freiheit des
achten Schöpfungstages. Mit dieser Erwartung Gottes ist dem Menschen eine große
Verantwortung auferlegt. Die letzte, endgültige Freiheit, das Wagnis der Freiheit
und die Last der Freiheit ist eine Tugend religiöser Mündigkeit" (32).
Zu
§ 10f
In den anschließenden
Paragraphen entfaltet N.Berdjajew mit weiteren Aussagen seine Ideen über die
Wichtigkeit des schöpferischen Tuns, das gleichsam wie ein Mysterium in
die Verantwortung des Menschen gelegt wurde: "Die zwangsmäßige Offenbarung
des Schaffens als Gesetz, als Vorschrift auf dem Weg wäre ein Widerspruch gegen
die göttliche Idee von der Freiheit des Menschen, gegen den göttlichen Willen,
im Menschen einen Schöpfer zu sehen, welcher Seine göttliche Natur abbildet.
Wenn es eine Offenbarung des Schöpfertums von oben gäbe, eine Offenbarung,
welche in der heiligen Schrift zum Ausdruck gekommen wäre, so wäre das freie
schöpferische Werk des Menschen überflüssig und unmöglich. Eine solche passive
Auffassung der menschlichen Natur macht den Menschen zu einem der Menschwerdung
Gottes unwürdigen Wesen. Christus war kein Gottmensch, wenn die menschliche
Natur passiv, unfrei ist und nichts aus sich offenbart. Denn in Wahrheit ist
der Gottmensch eine Offenbarung nicht nur der göttlichen, sondern auch der
menschlichen Majestät und setzt den Glauben nicht nur an Gott, sondern auch an
den Menschen voraus […]. Die Menschenähnlichkeit Gottes in Seinem eingeborenen
Sohne ist eben das ewige Fundament der selbständig freien Natur des Menschen,
welcher der schöpferischen Entfaltung fähig ist" (33).
Erst der Mensch selbst kann
also durch schöpferisches Tun das Geheimnis seines Wesens offenbaren. Deshalb
gibt es keine göttliche Offenbarung des Schöpferischen, sondern dieses bleibt
ein verhülltes Geheimnis, das sich erschließen muss. Dieses schöpferische Tun
ist die Konsequenz, dass Gott den Menschen als sein Bildnis und Ebenbild – als
freies Wesen mit schöpferischer Macht geschaffen hat. Gott hat im Schaffen des
Menschen in seinem allwissenden Willen seine eigene Voraussicht dessen
begrenzt, "was die schöpferische Freiheit des Menschen offenbaren wird,
denn in dieser Voraussicht lag eine Vergewaltigung und eine Beschränkung der Schaffensfreiheit
des Menschen. Der Schöpfer will nicht wissen, was der Mensch schaffen wird; er
wartet, wie sich der Mensch durch Schaffen rechtfertigen werde, er erwartet
eine Erwiderung der Liebe […]. Durch einen weisen Akt Seines absoluten Willens
hat Gott der Schöpfer aus Seiner Schöpfung alle Vergewaltigung und allen Zwang
ausgeschlossen, da er nur die Freiheit Seiner Schöpfung und deren Werk
wünschte. Der Mensch ist ein Zuwachs in Gott, im göttlichen Leben" (34).
Gegenüber den religiösen
Epochen des alttestamentlichen Gesetzes und der neutestamentlichen Erlösung
kennt bis dahin die Welt ein Schaffen im religiösen Sinne des Wortes nicht. Der
Mensch wird nicht durch das Schaffen als religiösen Akt gerechtfertigt, denn
"seine [des Menschen] schöpferische Natur war durch den Abfall von Gott
und das Herabsinken in tiefere Sphären des Seins geschwächt" (Berdjajew,
a.a.O., S. 280f.).
Dennoch werden auch im derart
geschwächten Menschen immer wieder schöpferische Kräfte mobilisiert, die zuvor
durch die Leidenschaften absorbiert waren. "Der schöpferische Akt des
Menschen ist ein Flug in die Höhe, aber er wird gehemmt und nach unten gezogen.
Anstatt des neuen Seins, des neuen Lebens werden nur neue Kulturwerte
geschaffen" (a.a.O., S. 281). Wenn Berdjajew die Menschheit an der
Schwelle einer neuen, religiösen Epoche stehen sah, so war ihm sicherlich auch
sein eigenes philosophisches und religiöses Schaffen ein "Übergang"
zu einem anderen Sein, das er in visionärer Sicht zu schauen meinte: "So
nähert sich auch die neue Welt dem Schaffen, aber ein Schaffen konnte es in ihr
noch nicht geben bis zur kosmisch-anthropologischen Wendung, bis zum religiösen
Umschwung im menschlichen Bewusstsein" (35).
Im Anhang seines Buches
"Der Sinn des Schaffens" hat Berdjajew diesem Gedanken – nämlich der
Verbundenheit von "Erlösung und Schöpfertum" – ausführlich breiten
Raum gegeben (36). In diesem Zusammenhang erwähnt er auch mit einem kurzen
Blick in die russisch-orthodoxe Spiritualität: "Natürlich findet sich bei
Feofan dem Reklusen viel Richtiges und Ewiges, besonders in seinem
hervorragendsten Werk, dem 'Weg zur Erlösung', aber sein Verhältnis zum Leben
der Welt ist ängstlich, sein Christentum ist eingeengt und benachteiligt. Die
zentrale Idee der östlichen Patristik war die Idee von der Theosis, von der
Vergottung der Kreatur, der Verklärung der Welt, des Kosmos, nicht aber die
Idee der persönlichen Rettung. Nicht zufällig waren aber die größten
Kirchenlehrer des Ostens der Idee der Apokatastasis so sehr geneigt, nicht nur
der heilige Clemens von Alexandrien und Origines, sondern auch der heilige
Gregor von Nyssa und der heilige Gregor von Nazianz, auch der heilige Maximus
der Bekenner" (37).