Der Gedanke der Anthropodizee 8
Exkurs
V: N.Berdjajews Denkart – Problemdenken und systematisches Denken
Bevor wir uns den weiteren
Paragraphen des berdjajewschen Themas der Anthropodizee zuwenden, sei in
einem Exkurs etwas über Berdjajews Stil und Denkstruktur eingefügt. Dabei
bedienen wir uns der Hinweise, die W.Dietrich in seiner bedeutenden Studie, dem
bisher unüberholten Standardwerk im deutschsprachigen Raum "Provokation
der Person" (Bd. 1: Nikolaj Berdjajews Leben und Werk) schon vor
Jahrzehnten vorgelegt hat (1). So charakterisiert Dietrich den Stil Berdjajews
folgendermaßen: "Die Schriften Berdjajews lassen daher vielfach die Maße
einer Architektur, die Strenge eines Plans, die Klarheit eines Gesamtgepräges
vermissen. Ihr Autor verschmäht die geduldige Arbeit am Rohstoff und das
beharrliche Feilen am Ausdruck. Die Gedanken erscheinen herausgeschleudert oder
herausgeströmt und zwar mit einer hinreißenden Geschwindigkeit, welcher der aufzeichnende
Stift kaum zu folgen vermag. In dieser flüchtig verfassten und impulsiv
hingeworfenen Form verbleibt das meiste des Werks […]. Berdjajew selber
schwankt offenbar im eigenen Urteil über diese jähe Vorläufigkeit seines Stils.
Bald erkennt er in seinem Unvermögen – oder auch Unwillen – zur systematischen
Darlegung einen fatalen Mangel. 'Ich war mir immer der schwachen Seite meines
Denkens bewusst' (Selbsterkenntnis, S. 98)'. 'Meine verhältnismäßig schwache
Fähigkeit zu systematischer diskursiver Entwicklung meines Gedankens behindert
das Verständnis' (Selbsterkenntnis, S. 369). Bald schließlich wird ihm die
unsystematische, undiskursive und unformalistische Denkart zum sachgemäßen
Ausdruck der bedachten Sache selbst, die sich als undiskursiv und unformalistisch,
als letztlich unsystematisierbar erweist. Das diskursive Denken, dessen auch
Berdjajew 'in seinen philosophischen Büchern selbstverständlich nicht entraten
kann', hat nur in der abgeleiteten und abstrahierten Sekundarsphäre sein Recht
[…]. Das Primäre, auf das Berdjajew hinaus will oder vielmehr: von dem er
auszugehen sucht, erschließt sich nicht in der Diskussion, sondern in der
Intuition, nicht in der Abstraktion, sondern in der Konkretion, nicht in der
Reflexion, sondern in der Expression, nicht in der Analyse, sondern in der
Synthese. Damit ist Berdjajews Denk- und Schreibart bereits nach der anderen –
ihrer positiven – Seite hin bestimmt: 'Ich bin ein Denker des ausschließlich
intuitiv-synthetischen Typs' (Selbsterkenntnis, S. 240) […]. Berdjajew sieht
also die Schwäche seines Denkens weder darin, dass er kein geschlossenes System
zustande bringt. Ein solches würde den intuitiv-konkreten Gedanken nur
entstellen. Noch erkennt er die Schwäche seines Denkens in den Widersprüchen,
deren man ihn zeihen könnte. Gerade die wirklichen Widersprüche bezeichnen die
Spannungen des Existierens, die sich logisch nicht ausgleichen lassen"
(2). Diese Deutungen vertiefen den von dem russischen Denker bestätigten
Eindruck, dass N.Berdjajew gerade als Existenzphilosoph ein Problemdenker war,
der nicht die Fähigkeit besaß, seine Gedanken in ein System zu bringen. Ebenso
fallen im vorliegenden Text und in seinen anderen Veröffentlichungen seine
ständigen Wiederholungen schon geäußerter Gedanken auf, so als ob er sein
jeweiliges Zentralthema in immer neuen Wendungen und Sprachformulierungen
vertiefen müsste.
Dieser Charakterisierung des
berdjajewschen Denkstils durch W.Dietrich schließen wir noch einige Bemerkungen
von N.Hartmann an, die das Thema allgemein philosophisch vertiefen. N.Hartmann
unterscheidet in seinem Aufsatz "Der philosophische Gedanke und seine
Geschichte" zwei Strömungen des zeitgenössischen Philosophierens, die es
uns erlauben, auch Berdjajews Stil und philosophische Prägung besser zu
verstehen. Es existiert auf der einen Seite das Systemdenken und auf der
anderen das Problemdenken. Wir lassen hier zur Verdeutlichung N.Hartmann
selbst zu Wort kommen: "Meist arbeitet es [das System- und das
Problemdenken] in denselben Köpfen, die auch Systembildner sind. Oft
widerstreitet eines dem anderen in ein und demselben Kopfe. Dennoch lassen sich
durch alle Zeiten hindurch unschwer zwei Typen von Denkern unterscheiden:
solche, die vorwiegend Systemdenker sind, und solche, die vorwiegend
Problemdenker sind. Die ersteren sind in der Überzahl. Die Meister der
Scholastik gehören fast ohne Ausnahme hierher, erst im späten Nominalismus
bricht die Gegentendenz durch; im Altertum waren Plotin und Proklus von dieser
Art, in der Neuzeit Bruno, Spinoza, Wolf, Fichte, Schelling, Hegel. Der
Problemdenker sind weniger. man kann ihren Typus in Platon und Aristoteles
relativ rein repräsentiert sehen; aber auch Descartes, Leibniz und Kant lassen
ihn deutlich erkennen. Ihr Signum ist, dass sich ihr Denken entweder überhaupt
nicht in ein System fügt oder doch es ständig überschreitet und
durchbricht" (3).
Aufgrund dieses
Charakterisierung sieht sich der Problemdenker immer wieder genötigt, den von
ihm aufgeführten Gedankenbau zu durchbrechen. Hartmann, selbst eher
Problemdenker, konstatiert: "Darum ist, was das Systemdenken hervorbringt,
ein zeitlich Bedingtes, ein ephemeres Gebäude, was das Problemdenken erringt,
dauernde Errungenschaft der Erkenntnis, Überzeitliches" (a.a.O., S. 3) und
er ergänzt: "So wenigstens ist es im Grundsätzlichen: die Systeme
wechseln, sie sind die Kartenhäuser des Gedankens, die leiseste Erschütterung
lässt sie zusammenstürzen, die Einsichten der Problemforschung bleiben, sie
halten sich im Kommen und Gehen der Systeme. Sie kehren wieder, auf ihnen wird
weitergebaut; an ihnen gibt es den stetigen Gang fortschreitender
Erkenntnis" (a.a.O., S. 4).
Damit aus diesen kurzen
Darlegungen N.Hartmanns nicht der Eindruck seiner völlig einseitigen
Parteinahme nur für das Problemdenken entsteht, sei der Blick wenigstens
summarisch auf den Schluss seiner Arbeit gelenkt. Hier konstatiert er zunächst
einmal: "Philosophisch zentral ist überhaupt in jedem systematischen
Denker nur der Problemdenker, d.h. der den Problemen um ihrer selbst willen
Nachgehende". Er beharrt darauf, dass originäre Einsichten von Philosophen
im System am meisten wirken, wenn sie als Inkonsequenz erkannt werden und
wirken: "In ihnen eben durchbricht die Erkenntnistendenz die
aufgerichteten Schranken. Wo die Systematik ganz versagt, wo sie einem Denker
von innen heraus in Verwirrung gerät, da gerade drängen sich die philosophisch
gewichtigen Einsichten zusammen […]. Formen solchen Wissens sind das
Problembewusstsein, das 'Wissen des Nichtwissens', die aporetische Erörterung,
das Auftreten von Antinomien, dialektischen Begriffen u.a.m." (a.a.O., S.
37). Diese seine Einsichten hat N.Hartmann im Folgenden (S. 38ff.) an Kant und
Hegel dargelegt. Mit wenigen Beispielen soll dies am Beispiel des Systemdenkers
Hegel exemplifiziert werden (a.a.O., S. 41ff.). So sind uns wertvolle
Einsichten Hegels zum Weiterdenken überlassen worden, die unverlierbare
Erkenntnisse darstellen: "Es handelt sich hier in erster Linie um eine
Reihe von Einsichten, das Wesen und den Aufbau der geistigen Welt betreffend,
die sich schon längst als fruchtbar erwiesen und mannigfacher Kritik
standgehalten haben – von Einsichten also, deren Unabhängigkeit von der
Hegelschen Systematik sich bereits eindeutig herausgestellt hat, von der
Geschichtsschreibung aber noch keineswegs erfasst, noch viel weniger also zur
Geltung gebracht worden ist. Die 'Phänomenologie', die 'Rechtsphilosophie',
sowie die Vorlesungszyklen sind übervoll von solchen Einsichten […]. Eine
ähnliche, aber weit schwierigere Aufgabe stellt die Hegelsche Dialektik dar.
Sie ist bei Hegel kein Thema neben anderen Themen, sie durchzieht vielmehr als
Methode das Ganze und lässt sich deswegen schwer anders betrachten als im
Zusammenhange dieses Ganzen. Dennoch liegt das Problem zutage, das sie dem
Epigonen aufgibt: einerseits kann es keinem Zweifel unterliegen, dass Hegel mit
ihr erstaunliche Einblicke in schwer zugängliche Gegenstandsgebiete getan hat,
die sich als bahnbrechend bewährt haben; andererseits hat er mit ihr den
konstruktiven Aufbau des Systems durchgeführt, das als solches ganz zuerst
gefallen ist […]. Es liegt auf der Hand, dass es auch hier zu unterscheiden
gilt: ein Leitfaden echter Erkenntnis und ein Element spekulativer Verführung
überkreuzen sich in der Dialektik […]. Hier aber ist der Punkt, an dem es einer
noch ausstehenden Klärung bedarf, um Lebendiges und Totes im Erbe Hegels zu
unterscheiden" (4).
In seiner Einleitung in Leben
und Werk von N.Hartmann schreibt M.Morgenstern, unsere Darlegungen
zusammenfassend: "Wenngleich Hartmann ein großes philosophisches System
geschaffen hat, hat er doch in ganz besonderem Maße den Vorzug des
Problemdenkens vor dem Systemdenken betont. Eine sorgfältige, umfassende
Analyse philosophischer Probleme betrachtete er als unverzichtbare Vorstufe der
Systembildung, ja er sah in der Arbeit an den Problemen und im Fortschritt des
Problembewusstseins gerade das Wesentliche und Bleibende der philosophischen
Systeme. Dennoch mündet Philosophie nach Hartmann zuletzt im System. Aber ohne
eine angemessene Analyse führt die Lösung philosophischer Probleme nur allzu
leicht zu vorschnellen Verallgemeinerungen und gewaltsamen Vereinfachungen des
Weltbildes. Ein System, das sich demgegenüber auf geduldiges, tiefschürfendes
Problemdenken stützt, kann nach Hartmann jedoch nur zu hypothetischen Lösungen
führen und muss zudem unlösbare Probleme offen anerkennen. Als Problemdenker
war er sich der Vorläufigkeit und Überholbarkeit seines Systems sehr genau
bewusst" (5).
Dass es hier, um auf
N.Hartmanns Überlegungen zurückzukommen, verschiedene Einsichten und Zugänge zu
Hegel gibt, verdeutlichen zwei unser Thema abschließende Hinweise. Hartmann
äußert sich bei partiellem positivem Verständnis auch ebenso negativ:
"Einen Augenblick konnte es auch so aussehen, als vor drei Jahrzehnten das
Interesse an Hegel sich wieder zu regen begann; gar zu einleuchtend war es doch
geworden, dass seine Naturphilosophie von vornherein ein Fehlschlag, sein
teleologischer Vernunftoptimismus ein frommes Trugbild war. Aber der Fortgang
der Hegelrenaissance hat einen anderen Lauf genommen. Statt nach dem Bleibenden
zu fragen, das hier überall mitten zwischen den spekulativen Irrtümern steht,
verstrickte man sich aufs neue in die dialektischen Fäden des Systems; man
stritt sich um 'System und Methode', als wäre beides um seiner selbst willen
da" (6).
Zu
§ 9
Stets kommt der russische
Verfasser auf seinen Zentralgedanken zurück, dass Gott auf die Antwort der
menschlichen Freiheit und auf die freiwillige Liebe des Menschen, auf sein
freies Werk und Schaffen wartet. Es ist ein nicht leicht zu vollziehender
Gedanke, dass es gerade die von Gott vom Menschen erwartete Freiheit ist, die
die Tragödie des Weltprozesses bestimmt. Mit dieser Welttragödie sieht
Berdjajew eine Tragödie in Gott verbunden. Dies, dass Gott sozusagen als leidender
auch ein werdender Gott ist – ähnlich sah es ja auch Hegel – hat
verständlicherweise starken Protest von philosophischer und theologischer Seite
hervorgerufen. Ein gutes Beispiel für diesen Widerspruch zeigt sich in
P.Koslowskis Aufsatz "Der leidende Gott als Problem der spekulativen
Philosophie und Theologie" (7). Koslowski deutet schon einleitend an, dass
für den nachkantischen Idealismus, also für Hegel und Schelling die Idee,
"dass Gott oder das Absolute die Welt und die Geschichte erleidet, im Mittelpunkt
der Philosophie" steht (8). Er fügt hinzu, dass dieses Theorem des
leidenden Gottes für die gegenwärtige Deutung des deutschen Idealismus freilich
von untergeordneter Bedeutung sei, weil die gegenwärtige Philosophie den
Deutschen Idealismus, der ohne seine theologischen Intentionen und
Implikationen überhaupt nicht verständlich ist, "so behandelt, als wäre
die theologische Fragestellung ein nebensächliches Problem des Idealismus, was
an der geschichtlichen Wirklichkeit des Idealismus und der Zentralität der
Theorie des Absoluten bei Hegel und Schelling vorbeiführt" (9).
Exkurs
VI: Philosophie und Theologie bei Hegel und ihr Verhältnis zueinander
Suchen wir für diese
Behauptung P.Koslowskis nach hegelschen Belegstellen, so sei exemplarisch
zitiert: "Der Gegenstand der Religion wie der Philosophie ist die ewige
Wahrheit in ihrer Objektivität selbst, Gott und nichts als Gott und die
Explikation Gottes. Die Philosophie ist nicht Weisheit der Welt, sondern
Erkenntnis des Nichtweltlichen, nicht Erkenntnis der äußerlichen Masse,
des empirischen Daseins und Lebens, sondern Erkenntnis dessen, was ewig ist,
was Gott ist und was aus seiner Natur fließt. Denn diese Natur muss sich
offenbaren und entwickeln. Die Philosophie expliziert daher nur sich, indem sie
die Religion expliziert, und indem sie sich expliziert, expliziert sie die
Religion […]. So fällt Religion und Philosophie in eins zusammen; die
Philosophie ist in der Tat selbst Gottesdienst, ist Religion, denn sie ist
dieselbe Verzichtung auf subjektive Einfälle und Meinungen in der Beschäftigung
mit Gott. Die Philosophie ist also identisch mit der Religion; aber der
Unterschied ist, dass sie es auf eigentümliche Weise ist,
unterschieden von der Weise, die man Religion als solche zu nennen pflegt. Ihr
Gemeinsames ist, Religion zu sein; das Unterscheidende fällt nur in die Art und
Weise der Religion. In dieser Eigentümlichkeit der Beschäftigung mit Gott
unterscheiden sich beide. Darin aber liegen die Schwierigkeiten, die so groß
scheinen, dass es selbst für Unmöglichkeit gilt, dass die Philosophie eins mit
der Religion sein könne. Daher kommt die Apprehension [Befürchtung] der
Theologie gegen die Philosophie, die feindselige Stellung der Religion und
Philosophie. Dieser feindseligen Stellung nach (für was sie die Theologie
aufnimmt) scheint die Philosophie auf den Inhalt der Religion verderbend,
zerstörend, entheiligend zu wirken und ihre Beschäftigung mit Gott schlechthin
verschieden von der Religion zu sein. Das ist dieser alte Gegensatz und
Widerspruch, den wir schon bei den Griechen sehen; bei den Atheniensern, diesem
freien, demokratischen Volk, sind Schriften verbrannt, ist Sokrates zum Tode
verurteilt [worden]. Jetzt gilt aber dieser Gegensatz als Anerkanntes und mehr
als die eben behauptete Einheit der Religion und Philosophie" (10). Ebenso
weist Hegel mit Recht darauf hin, dass sowohl der Gegensatz zwischen
Philosophie und Theologie als auch ihre Verknüpfung gleich alt sind:
"Sodann hat jene Verknüpfung bei den vorzüglichsten der Kirchenväter
stattgefunden, die sich wesentlich begreifend in ihrer Religiosität verhielten,
indem sie von der Voraussetzung ausgingen, dass Theologie die Religion mit
denkendem, begreifendem Bewusstsein sei. Ihrer philosophischen Bildung verdankt
die christliche Kirche die ersten Anfänge von einem Inhalt der christlichen
Lehre" (11).
Wir fügen eine Hegel
ergänzende Bemerkung ein, die Ludwig Landgrebe an den Anfang seines Aufsatzes
"Philosophie und Theologie" gestellt hat: "In der Einleitung zu
Hegels Vorlesungen über Philosophie der Religion lesen wir: 'Je mehr sich die
Erkenntnis der endlichen Dinge ausgebreitet hat, indem die Ausdehnung der
Wissenschaften fast grenzenlos geworden ist und alle Gebiete des Wissens zum
Unübersehbaren erweitert sind, umso mehr hat sich der Kreis des Wissens von
Gott verengt. Es hat eine Zeit gegeben, wo alles Wissen Wissenschaft von Gott
gewesen ist. Unsere Zeit hat dagegen das Ausgezeichnete, von Allem und Jedem,
von einer unendlichen Menge von Gegenständen zu wissen, nur nichts von Gott
[…]. Es macht unserem Zeitalter keinen Kummer mehr, von Gott nichts zu erkennen
[vgl. Röm 1,28], vielmehr gilt es für die höchste Einsicht, dass diese
Erkenntnis sogar nicht möglich sei. Was die christliche Religion für das
höchste, absolute Gebot erklärt: Ihr sollt Gott erkennen [vgl. Ex 33,13], das
gilt als eine Torheit. Christus sagt: Ihr sollt vollkommen sein, wie mein Vater
im Himmel vollkommen ist [Mt 5,48]. Diese hohe Forderung ist der Weisheit
unserer Zeit ein leerer Klang. Sie hat aus Gott ein unendliches Gespenst gemacht,
das fern von uns ist, und ebenso die menschliche Erkenntnis zu einem eitlen
Gespenste der Endlichkeit oder zu einem Spiegel, in den nur Schemen, nur
Erscheinungen fallen.' Hegel schließt dann: 'Diesen Standpunkt muss man, dem
Inhalte nach, für die letzte Stufe der Erniedrigung des Menschen achten, bei
welcher er freilich um so hochmütiger zugleich ist, als er sich diese
Erniedrigung als das Höchste und als seine wahre Bestimmung erwiesen zu haben
glaubt'. Es ist hier nicht die Absicht, zu erörtern, in welcher Weise Hegels
Philosophie den Anspruch macht, der Weg zum Wissen um Gott zu sein, und zu
fragen, ob wir ihm auf diesem Wege folgen können. Das Wort Hegels wurde an die
Spitze gestellt, weil es, in seinem allgemeinsten Sinne verstanden, heute die gleiche
Aktualität hat wie zu der Zeit, in der es gesprochen wurde. Hegel bezeichnet
diesen Standpunkt, nichts von Gott begreifen zu können, ja dessen gar nicht zu
bedürfen, als die höchste Erniedrigung des Menschen, die er aber gerade als
seine höchste Erhöhung ausgibt […]. Wir dürfen nicht meinen, dass uns das
nichts angeht, weil ja bei uns alles zum Besten geordnet und der Religion der
gebührende Platz im öffentlichen Leben wieder eingeräumt sei. Vielleicht sind
diese Verbeugungen nur der Zoll, den man entrichtet, um ihr gegenüber dann umso
gleichgültiger sein zu können, ohne dass dies, so wie es Hegel sagt, als
Erniedrigung empfunden würde. Aber wer soll nun darüber entscheiden, ob dies
eine Erniedrigung des Menschen bedeutet oder vielleicht umgekehrt seine höchste
Erhöhung, seine Erhöhung zu absoluter Souveränität? Eben dies sucht die
Theologie den Menschen begreiflich zu machen: warum dieser Standpunkt
Erniedrigung ist, sich nicht um Gott zu kümmern und nichts von ihm wissen zu
wollen (12).
Worin – so fragen wir – haben
Philosophie und Theologie gleiche Ziele? L.Landgrebe gibt darauf die Antwort:
Die Theologie will dem Menschen sagen, "was seine Erhöhung und was seine
Erniedrigung ist, wessen er also bedarf, um richtig Mensch zu sein. Aber mit
diesem Begreiflichmachen hat es doch auch die Philosophie in ihrem Kern zu tun.
Von ihrem Anfang an war sie die denkende Besinnung des Menschen, der sich über
seine Lage in der Welt vergewissern und in sie Einsicht gewinnen wollte, wenn
es auch einer längeren Entwicklung bedurfte, bis diese Frage nach dem Menschen
in ihr zum ausdrücklichen Thema wurde. Aber dann konnte Kant rückblickend alle
Fragen der Philosophie auf die eine große Frage zurückführen: 'Die wichtigste
Angelegenheit des Menschen ist zu wissen, was man sein muss, um eine Mensch zu
sein'" (13).
Mit Landgrebe ist
festzuhalten, dass "die Philosophie die Voraussetzung, auf der die
Theologie beruht, nicht mitvollziehen kann. Muss sie nicht voraussetzungslose
denkende Besinnung sein, absolute Wissenschaft, die jeden ihrer Schritte selbst
denkend begründet und keine Voraussetzungen anerkennt als die, deren
Notwendigkeit sie selbst denkend eingesehen hat? Wie soll sie dann die
Voraussetzung der Theologie, dass das Evangelium Gottes Wort ist, hinnehmen
können? So scheint sie also von etwas ganz anderem zu sprechen als die
Theologie, und damit wäre die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und
Theologie von vornherein beantwortet. Das hieße, dass von der Theologie her
gesehen der Standort der Philosophie notwendig der des Unglaubens sein muss.
Das Verhältnis wäre dies, dass die Theologie den Boden des Glaubens gar nicht
verlassen dürfte, die Philosophie dagegen keine Möglichkeit hätte, auf ihn zu
gelangen. Und das hieße weiter, dass ein Philosoph oder überhaupt der Mensch,
der auf die Kraft seiner denkenden Vernunft vertraut, nur in einer Art von
Bewusstseinsspaltung auch noch ein Gläubiger sein könnte: eine Spaltung
zwischen dem, was wir Glauben nennen, und dem, was wir Wissen nennen, zwischen
Glauben und Wissen. Aber es ist bekannt, dass sich die Philosophen mit solcher
Bewusstseinsspaltung zu keiner Zeit abgefunden haben, sondern dass sie entweder
versuchten, zwischen beiden zu vermitteln – so war dies der letzte große
Versuch bei Hegel –, oder versuchten, die eine der beiden Seiten als nichtig zu
erweisen und damit die Frage durch einen Gewaltstreich zu beantworten"
(14).
Fassen wir die Stellung der
Philosophie zur Theologie mit L.Landgrebe zusammen, so ist festzuhalten, dass
für die Philosophie die Gewissheit des Offenbarungsglaubens Bekenntnis zu einem
Faktum ist, das vom philosophischen Denken her einer Begründung "ihrer
notwendigen Einsichtigkeit entbehrt, als überlieferte Meinung, als Doxa, die
noch nicht Wissen, noch nicht Episteme geworden ist, und damit ist der Glaube
für das philosophische Denken zur bloßen, nicht begründeten und, weil auf ein
geschichtliches Faktum zurückgehend, gar nicht begründbaren Doxa geworden,
womit sich für die Philosophie jede weitere Untersuchung dessen, was Glaube
bedeutet, erübrigt zu haben scheint" (15).