Der Gedanke der Anthropodizee 6

 

 

Zu § 4

 

Hier stellt der russische Denker die drückende Leblosigkeit der Natur, die als Materialität für ein Schwerwerden und für eine Fesselung des Geistes sorgt, dem Geist entgegen, der die Natur belebt und sie verlebendigt. In diesem Zusammenhang formuliert Berdjajew einen Satz, der einem Pauluszitat nahe kommt: "Die ganze Natur stöhnt und weint und wartet auf Befreiung" (vgl. "Denn das sehnsüchtige Harren des Geschaffenen wartet auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes […]. Wir wissen ja, dass die gesamte Schöpfung bis jetzt noch überall seufzt und mit Schmerzen einer Neugeburt harrt", Röm 8,19.22). Darum muss sich der Mensch, der zu einem Teil der natürlichen Welt geworden ist, davon lossagen und die "Welt" überwinden, "um sich die königliche Stellung in der Welt wiederzugeben". In diesem Zusammenhang erscheint es von besonderer Bedeutung, dass Berdjajew den neutestamentlichen Gedanken aufnimmt: "Gefallen ist nicht der einzelne Mensch, sondern der All-Mensch, der Ur-Adam, und erheben kann sich nicht der einzelne Mensch, sondern auch nur der All-Mensch. Der All-Mensch ist von dem Kosmos und seinem Schicksal unabtrennbar. Die Befreiung und schöpferische Erhebung des All-Menschen ist die Befreiung und schöpferische Erhebung des Kosmos. Das Schicksal des Mikrokosmos und das Schicksal des Makrokosmos sind unzertrennlich, sie fallen und erheben sich zusammen. Der Zustand des einen prägt sich im anderen aus, sie durchdringen einander gegenseitig" (71).

 

Im Blick auf diese gegenseitige Durchdringung können wir auch von einer Einheitswirklichkeit oder auch Wesenseinheit sprechen, die besonders in der orthodoxen Theologie und Spiritualität, hier wiederum – exemplarisch – bei Starez Siluan vom Berg Athos ihren prägnanten Ausdruck gefunden hat. Schon der Kolosserbrief sieht den ganzen Kosmos in das Erlösungswerk Jesu Christi einbezogen. Wenn Gott durch Christus alles mit sich versöhnte (Kol 1,20), so kann dieses Versöhnen als ein Schaffen von Einheit verstanden werden, die die Wesenseinheit aller Menschen zum Ziel hat. Diese Wesenseinheit erfährt ihre deutende Interpretation in den Schriften des Starez Siluan, interpretiert durch seinen Schüler, Archimandrit Sophronij: "Dem nicht-spirituellen Menschen erscheint es unglaublich, dass man die Menschheit in ihrer Fülle als eine integrale Existenz empfinden kann, eingeschlossen in die persönliche Existenz eines jeden Menschen, ohne dass man jedoch damit die Andersartigkeit der anderen menschlichen Hypostasen aufheben würde. Aber nach dem Sinn des Gebots Christi: 'Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst', kann und soll man die ganze menschliche Welt als ein einheitliches Sein auffassen und in das persönliche Sein einschließen" (72).

 

Dogmatisch wird diese Lehre von der Wesenseinheit nachdrücklich von W.Zenkowskij (ähnlich wie von P.Florenskij in "Säule und Grundfeste der Wahrheit") vertreten: Es ist nicht zu übersehen, dass der Mensch, wenn er bewusst in der Kirche lebt und an ihr als dem Leibe Christi teilnimmt, diesem gottmenschlichen Organismus sich eingefügt weiß und auf diesem Wege zu einer "neuen Kreatur" (vgl. Röm 8) wird, wenn die transformierenden, spirituellen Kräfte des Hl. Geistes ihn ergreifen. So ist es nur folgerichtig, diesen Kontext von "Katholizität" näher zu begreifen: "Diese Lehre von der ganzheitlichen, überindividuellen und gemeinschaftsbezogenen Natur des menschlichen Geistes entwickelte sich besonders stark in der russischen Philosophie, die den Geist des Individualismus zu überwinden suchte, der so krass in der europäischen Kultur der neuen Zeit in Erscheinung trat […]. Überhaupt kehrt in der russischen Philosophie der Gedanke, dass im Rahmen des individuellen Bewusstseins ein überindividuelles ganzheitliches gemeinschaftsbezogenes Prinzip wirkt, immer wieder" (73).

 

In ähnlicher Weise konnte auch der Apostel Paulus im Römerbrief Kap. 5,12ff die ontologische Wesenseinheit – die hypostatische Union – aller Menschen in Adam bzw. in Christus, dem neuen Adam begründet sehen (74). Erst durch den absoluten Menschen, durch die Erscheinung des Sohnes Gottes, kann die Wiederherstellung des Menschen und des Kosmos erfolgen. "Der königliche Platz des Menschen in der Welt wird durch den Gottmenschen befestigt und überwindet das Prinzip des gefallenen Engels. Der neue Adam bedeutet eine höhere Stufe der Weltschöpfung als der Ur-Adam im Paradiese. Der durch Christus in einen neuen geistigen Menschen wiedergeborene Adam ist schon kein passiver und unterdrückter Blinder mehr, sondern ein sehender Schöpfer, der Sohn Gottes, welcher das Werk des Vaters fortsetzt" (75).

 

Auch ein anderer Vordenker der Zukunft – C.G. Jung – hat neben N.Berdjajew betont, dass die Bewusstseinsgeschichte der Menschheit einem Individuationsprozess gleicht, der die Form einer Spirale hat. Umfänglichere Bewusstheit ist der Zielpunkt und wie zahlreiche Schöpfungsmythen es ausdrücken, wird der Kosmos in der Gestalt des göttlichen Urmenschen gesehen, dem neuen geistigen Menschen, dem wiedergeborenen Adam Berdjajews vergleichbar, bei dem es nach C.G. Jung "keine Unterscheidung von Subjekt und Objekt, von Ich und Selbst" mehr gibt, es ist vielmehr "All-Eines".

 

Marie-Luise von Franz hat diesen Gedanken so formuliert: "Wenn aus diesem potentiellen Ganzen je ein Einzelnes entstehen soll, so muss es erst in einem vorbewussten Projektionsvorgang alle Einzelkomponenten aus sich heraus entlassen oder in sich zerfallen, damit sie nachher einzeln bewusst gemacht werden können, andernfalls sie für immer in einer ununterscheidbaren Vermischung [im an-sich] verblieben. Es ist mit anderen Worten so, als ob im Unbewussten eine völlig unfassbare potentielle Einheit des Individuums bestünde, welche vorgängig zur Bildung des Ichbewusstseins zerfiele, so dass eben dadurch das Ich und auch die übrigen Komplexe der seelischen Anlage einzeln hervortreten können [das für-sich], um viel später allmählich wieder zu einer bewussten Einheit [zum an-und-für-sich] zusammenzuwachsen" (76).

 

Gerhard Wehr hat in seinem Buch "C.G. Jung und das Christentum" Jungs Gedanken aufgenommen und in seinem Kapitel "Ausblicke in die Zukunft des Christentums" für eine spirituelle "Tiefentheologie" fruchtbar gemacht. Er zitiert C.G. Jung, dessen Vision in die gleiche Richtung wie der Denkansatz von M.-L. von Franz weist: "Die Weiterentwicklung des Mythus sollte wohl dort anknüpfen, wo der Hl. Geist sich an die Apostel austeilte und sie zu Gottessöhnen machte, und nicht nur sie, sondern alle anderen, die durch sie nach ihnen die filiatio, die Gotteskindschaft empfingen und damit auch der Gewissheit teilhaftig wurden, dass sie nicht nur autochthone, erdentsprossene animalia waren, sondern als 'zweimal Geborene' in der Gottheit selber wurzelten. Ihr sichtbares körperliches Leben war von dieser Erde; ihr unsichtbarer, innerer Mensch aber hatte seine Herkunft und seine Zukunft im Urbild der Ganzheit, im ewigen Vater, wie der Mythus der christlichen Heilsgeschichte lautet" (77).

 

Es ist nicht zu übersehen, dass mit der Vorstellung vom himmlischen bzw. vom kosmischen Menschen einerseits biblische Bilder aufgegriffen werden (vgl. Kol 1,16f), andererseits solche, die einen gnostischen Hintergrund haben. Dies verdeutlicht die Interpretation von Bede Griffiths: "Im Gegensatz zu den Juden nahmen die Gnostiker den Gedanken an den himmlischen Menschen generell auf und gaben ihm ihre eigene Interpretation. Sie nahmen an, dass Adam, der erste Mensch, vollkommen war. Er war der archetypische Mensch. Die Welt war von ihm abgefallen, und die Erlösung bestand darin, dass alles in seinen ursprünglichen Zustand wie zu Anbeginn wiederhergestellt werde. Mit anderen Worten: das Ziel war die Wiederherstellung des Originalzustandes. Das ist typisch gnostisch. In der jüdisch-christlichen Tradition jedoch findet sich immer eine Bewegung, ein Aufstieg zu einem Ziel hin. Hier schreitet die Welt in einem evolutionären Aufstieg zu ihrer letztlichen Erfüllung voran; eine simple Rückkehr zum Ursprung kommt überhaupt nicht in Frage" (78) Wenn sich auch Berdjajew der letzterwähnten Bilder bedient, dann ist der Gnosis-Vorwurf, den ihm Georg Koepgen gemacht hat, kaum von der Hand zu weisen (79).

 

Zu § 5

 

N.Berdjajew unterstreicht hier den Gedanken, dass eine wahre Anthropologie nur auf die Offenbarung Christi gegründet sein kann, weil nach seiner Ansicht das universale Faktum der Erscheinung Christi das fundamentale Faktum der Anthropologie ist. Lassen wir ihn hier selbst zu Wort kommen: "Nur nach Christus ist das höhere anthropologische Bewusstsein möglich. Nur in Christo und durch Christum vollzieht sich der universale Akt des göttlichen Selbstbewusstseins des Menschen. Nur die von Christus vollzogene Adoption des Menschen durch Gott, die Wiederherstellung der infolge der Sünde und des Abfalls verderbten menschlichen Natur durch Christus, enthält das Geheimnis vom Menschen und von seiner Erstgeburt, das Geheimnis der menschlichen Person. Das Geheimnis Christi ist eben das Geheimnis des absoluten Menschen, des Gott-Menschen. Christus – der Sohn Gottes – ist der ewige, absolute, göttliche Mensch. Von Ewigkeit her wird vom Vater der Sohn geboren – der absolute Mensch, der göttliche Mensch, der Gott-Mensch. Der göttliche Menschensohn wird im Himmel und auf Erden geboren, in Ewigkeit und in der Zeit, oben und unten geboren. Und darum geschieht das auf Erden Geschehende im Himmel. Das Drama der irdischen Menschheit ist das Drama der himmlischen Menschheit" (80).

 

Berdjajew weist also auf eine Parallelbewegung hin, wie sie stets von mystischen Denkern wie etwa Angelus Silesius und anderen vertreten wurde. Diese Bewegung kann von uns nur auf dem Hintergrund trinitarischer Vorstellungsstrukturen mitvollzogen werden, und so ist es auch vollkommen folgerichtig, dass Berdjajew anschließt: "Durch Christum wird der Mensch der Natur der Hl. Trinität teilhaftig, denn die zweite Person der Hl. Trinität ist der absolute Mensch [vgl. Eph 1,4]. O gewiss ist der Mensch nicht Gott, er ist Gottes Sohn nicht in dem einzigen Sinn, in welchem Christus Gottes Sohn ist; aber der Mensch hat an den Geheimnissen der Hl. Trinität teil und erscheint als Mittler zwischen Gott und dem Kosmos. Jede menschliche Gestalt verbleibt durch Christus nicht nur in der kreatürlichen Welt, sondern auch in der Gottheit. Der Mensch ist nicht nur ein natürlich-kreatürliches, sondern auch ein göttlich-kreatürliches Wesen. Im Menschen ist eine, wenn auch entstellte, natürliche Göttlichkeit. Christus stellt die verloren gegangene Genealogie des Menschen, seine Rechte auf göttlichen Ursprung und göttliche Bestimmung wieder her" (81).

 

Berdjajew macht auf die – sicher auch konfessionsverschiedenen – Lösungsversuche zum theologischen Problembereich aufmerksam, dass einerseits die menschliche Natur von Sündhaftigkeit geschwächt wurde, andererseits "die absolute und königliche Bedeutung des Menschen" anzuerkennen sei, "da sie [die christliche Anthropologie] die Menschwerdung Gottes und die Vergöttlichung des Menschen, die gegenseitige Durchdringung der göttlichen und menschlichen Natur lehrt". "Aber aus tiefsten Gründen, welche im Geheimnis der Zeiten und Fristen verborgen sind, hat das Christentum dasjenige nicht mit Vollständigkeit offenbart, was man die Christologie des Menschen nennen muss, d.h. das Geheimnis von der göttlichen Natur des Menschen, das Dogma vom Menschen, welches gleich ist dem Dogma von Christus. Von den allgemeinen Kirchenkonzilen wurde die Natur der Hl. Trinität und die Natur Christi offenbart, aber die Natur des Menschen fast gar nicht. In dem Christentum der Heiligen Väter bestand eine monophysitische Neigung, Schüchternheit in der Enthüllung der menschlichen Natur Christi und darum auch der göttlichen Natur des Menschen, Gedrücktheit durch die Sünde und durch den Durst nach Erlösung von der Sünde. Diese Neigung ist dem gesamten Christentum eigentümlich und erscheint nicht zufällig. Und dennoch ist in der christlichen Offenbarung die Wahrheit von der Göttlichkeit des Menschen nur die Kehrseite der Wahrheit von der Menschlichkeit Christi. Die Ontologie des Menschen ist von der Christologie des Sohnes Gottes unabtrennbar, das Selbstbewusstsein Christi ist unabtrennbar von dem Selbstbewusstsein des Menschen. Die christologische Offenbarung ist eine anthropologische Offenbarung. Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch vergottet werde, sagt der hl. Athanasius der Große. Die Aufgabe des religiösen Bewusstseins der Menschheit ist eben die Offenbarung des christologischen Bewusstseins des Menschen" (82).

 

Zu § 6

 

Dieser Paragraph widmet sich dem schöpferischen Geheimnis der menschlichen Natur, ein Thema, mit dem sich die Anthropologie der Kirchenväter nicht beschäftigt. Dies hängt damit zusammen, dass die Kirchenväter-Anthropologie noch zu sehr von den Leidenschaften und von der Befreiung von den Sünden lehrt. Das wird exemplarisch am Beispiel von Theophan dem Klausner durch H.M.Knechten unterstrichen, der mit Theophan und der gesamten russisch-orthodoxen Literatur zeigt, wie der asketische Kampf gegen die Leidenschaften, einst Hauptthema der Wüstenväter und speziell auch in dieser Tradition von Johannes Cassian und seiner Vorgänger und Nachfolger wie z.B. Benedikt von Nursia vertreten, zum beherrschenden Thema frühchristlicher Asketik wird (83). Es fällt Berdjajew auf, dass das Thema der christologischen Wahrheit vom Menschen keineswegs zur "absoluten und schwindelerregenden Wahrheit" der Väter wird, sondern es bleibt vielmehr das schöpferische Geheimnis des Menschen verdeckt, die unendliche Distanz zwischen Gott und Mensch vergrößert sich fast im Sinne der barthschen dialektischen Theologie. Anthropologische Wahrheiten und Erkenntnisse werden auch bei den Konzilien nicht entwickelt, weil das christologische Dogma – die Zweinaturenlehre – zum Zentralthema geworden ist. "Das religiöse Bewusstsein musste völlig Christus und nicht dem Menschen zugewandt sein". Königliche Züge entdeckt Berdjajew nur in Aussagen über den Menschen bei dem hl. Gregor von Nyssa, dem hl. Makarius von Ägypten sowie dem hl. Symeon dem Neuen Theologen. Im übrigen findet er eine höchst ausgefeilte negative Anthropologie der Asketik und der Leidenschaften, insbesondere auch bei Isaak dem Syrer (84).

 

"Diese Anthropologie bleibt alttestamentlich und lehrt vom alten Adam. Die Lehre vom himmlischen Adam, von der seraphischen Natur des Menschen ist kaum enthüllt, richtiger nur in der Christologie und nicht in der Anthropologie offenbart. Die Frage von dem positiven, schöpferischen Beruf des Menschen in der Welt ist von den Heiligen Kirchenvätern und Lehrern sogar niemals gestellt worden […]. Der Mensch wird vergöttlicht, aber nur auf dem Wege des Verstummens alles Menschlichen, seines Verschwindens und des Erscheinens der Gottheit an seiner Stelle. In der Lehre von der Theosis des Menschen bleibt für den Menschen kein Platz […]. Die ganze Bedeutung dieses kirchenväterlichen Bewusstseins lag nur im heroischen Kampfe gegen den alten Adam, gegen die Leidenschaften der Welt" (85).

 

Zu § 7f

 

In diesem Paragraphen wiederholt Berdjajew noch einmal seine schon früher geäußerte Ansicht, dass das Bewusstsein der Kirchenväter insbesondere die Erniedrigung des Menschen in den Blick nahm und sich der Bekämpfung der Leidenschaften widmete. Was war die Folge? "Die Verhüllung der anthropologischen Wahrheit im Christentum führte zur Entstehung der humanistischen Anthropologie, welche nach willkürlichem Ermessen des Menschen selbst und in formaler Reaktion gegen das religiöse Bewusstsein des Mittelalters gebildet wurde. Das anthropologische Bewusstsein des Humanismus entsteht im Zeitalter der Renaissance und entwickelt sich in der Neuzeit bis zum 20. Jahrhundert, in dem seine Grenzen sichtbar werden, und es in sein Gegenteil umschlägt" (86).

 

Schließlich führt – nach Berdjajew – der Humanismus im 19. Jahrhundert zum Positivismus; "zur zwangsweisen Einsetzung des Menschen in das begrenzte Territorium der gegebenen natürlichen Welt. Der humanistische Positivismus möchte mit dem Bewusstsein der Zugehörigkeit des Menschen zu zwei Welten ein Ende machen. Es gibt keine andere Welt, und der Mensch gehört voll und ganz dieser einzigen Welt an und muss sein Glück in ihr suchen". Berdjajew zieht dann weiter die Linien aus, die vom Humanismus über den Positivismus zum Antihumanismus führen, der den Menschen verneint. "Das Schicksal des Humanismus ist die große Tragödie des Menschen, welcher die anthropologische Offenbarung sucht. Die Verhülltheit der christlichen Anthropologie stößt die Menschheit auf die Bahn des Humanismus. Das kirchenväterliche Bewusstsein lässt den Menschen hilflos in der Entfaltung seiner schöpferischen Natur" (87).

 

H. de Lubac hat in seiner Studie "Die Tragödie des Humanismus ohne Gott" mit der Aufnahme zahlreicher Berdjajew-Zitate diesen Prozess eindrucksvoll geschildert (88). So musste diese Entwicklungslinie zwangsläufig über die sog. Links-Hegelianer Ludwig Feuerbach und Karl Marx in einen materialistischen Sozialismus bis zur Negation des Menschen führen, wo vor allem Marx den Eigenwert der menschlichen Persönlichkeit verneint: "Hier setzt die Krise der humanistischen Anthropologie ein, der vergöttlichte Mensch wird im Namen eines imaginär Übermenschlichen, im Namen der Idee des Sozialismus und des Proletariats vernichtet […]. So erhebt sich das Übermenschliche auf den Ruinen des Humanismus. Der Positivismus in der Theorie und der Sozialismus in der Praxis sind die letzten Früchte des Humanismus, welche die Lüge der humanistischen Anthropologie aufdecken und den Menschen töten. Der Humanismus ist der tragische Weg des Menschen, das Suchen einer anthropologischen Offenbarung" (89).

 

In der Gestalt Nietzsches sieht Berdjajew die Krisis der humanistischen Anthropologie in ihrer Vollendung, wobei diese Krisis zu Nietzsches Idee des "Übermenschen" führt und damit zu einer Überwindung des Menschen und des Menschlichen. Ohne hier auf die nähere Diskussion Berdjajews mit Nietzsche und Dostojewskij eingehen zu können, sei Berdjajews fundamentale These formuliert. Er sieht den Menschen als Teilhaber am Geheimnis der Hl. Trinität durch den absoluten Menschen, den Sohn Gottes, der in seiner Doppelgestalt – in seinem hypostatischem Wesen als das "ewige Ich bin" und in seiner phänomenal-historischen Gestalt als Jesus von Nazareth in dieser Welt erschienen ist. Insofern hat nach Berdjajew die neue christologische Anthropologie die Aufgabe, "das Geheimnis vom schöpferischen Beruf des Menschen zu enthüllen und dadurch seinem schöpferischen Drang den höheren religiösen Sinn [zu] geben" (90).

 

 

Fortsetzung