Der Gedanke der Anthropodizee 5
Zu
§ 3
Berdjajew sieht das Mysterium
des Christentums im Mythus vom Gottmenschen symbolisiert, wobei nach seinem
Verständnis der Mythus die konkrete Erzählung eines Ereignisses ist, das sich
in der geistigen Welt, in der Tiefe des Seins zugetragen hat: "Solcher Art
ist der Mythus vom Sündenfall Adams und Evas. Das ist das realste Ereignis,
welches sich in der geistigen Welt, in der Tiefe des Seins zugetragen hat, und
in der einfachen Erzählung von dem Ereignis, das sich in der empirischen
Wirklichkeit begeben hat, symbolisiert ist. Man kann keinen rationalen Begriff
vom Sündenfall bilden. Auch von dem Geheimnis der göttlichen Trinität kann man
einen solchen Begriff nicht bilden. Hier ist nur der Mythus möglich. Aber es
ist notwendig, sich endgültig von dem Gedanken zu befreien, dass der Mythus
keine Realität, sondern eine Erfindung sei. Dem Mythus liegt eine größere
Realität als dem Begriff zugrunde. Der Mythus ist mit dem Symbol verbunden. Er
ist eine Symbolisierung, eine Bezeichnung dessen auf dem einen Plan, was auf
dem andern vor sich geht. Das religiöse Bewusstsein ist immer eine
mythologische und symbolische Erkenntnis. Das Symbol spricht immer von der
Unerschöpflichkeit und Unendlichkeit jenes religiösen Gegenstandes, welcher
erkannt wird, von seiner Undurchdringlichkeit für den logischen Begriff. Die
apophatische, negative Theologie hat diese Wahrheit immer verstanden, aber die
positive, kataphatische Theologie hat sie oft ignoriert […]. Die Offenbarung
ist kein Ereignis in der äußeren, gegenständlich materiellen Welt, sie ist ein
Ereignis in der geistigen Welt" (61).
Zum Begriff des Apophatischen
nehmen wir die Erläuterungen von D.Staniloae zur Kenntnis: "Die personale
Wirklichkeit Gottes ist die im eigentliche Sinne apophatische Wirklichkeit. Sie
übersteigt alle seine Attribute […]. Die Überexistentialität Gottes ist der
Grund dafür, dass es unmöglich ist, ihn je zu definieren. Denn alle Worte
gehören zur Ordnung der Existenz, die definierbar ist. Gott ist – weil er durch
sich selbst existiert, also in gar kein Bezugssystem hineinpasst und darum in
höchstem Masse überexistent bzw. Person ist – an und für sich apophatisch,
undefinierbar. Da ihm seine Existenz nicht von außen her gegeben wurde, sondern
er selber Ursprung der Existenz und damit höchste personale Wirklichkeit ist,
ist auch er selbst nicht definierbar und kann bloß mit Personal-Pronomina
benannt werden, bzw. er wird mit der Existenz an sich, oder mit dem Ursprung
der Existenz, der jenseits der Existenz liegt, identifiziert" (62).
D.Staniloae konnte auch so formulieren: "Im göttlichen Leben ist nur
Gegenwart, ohne Bezug zu Vergangenheit und Zukunft, da es in beständig
bestehender Fülle vorhanden ist " (a.a.O., S. 162).
Was Berdjajew hier (§ 3) in
gedrängter Kürze vorträgt, wird von ihm im 2. Kapitel seines Buches "Die
Philosophie des freien Geistes" breit entfaltet. Deshalb sind die
ausführlichen Zusammenhänge, die hier nicht dargestellt werden können, dort
weiter nachzuprüfen (63). Dennoch sollen zur Erläuterung und Ergänzung des oben
Gesagten einige Zitate aus dem genannten Kapitel folgen, die das Gemeinte
verdeutlichen: "Die Gottinkarnation ist ein vornehmlich symbolisches
Ereignis, der einzige und nicht wiederholbare Durchbruch der unendlichen Welt
in die endliche Welt, der geistigen Welt in die natürliche Welt, göttliche
Offenbarmachung des Zusammenhangs zwischen den beiden Welten, gnadenreicher
Sieg über die Schwere der natürlichen Welt, Entzauberung dieser verzauberten
Welt. Das Erscheinen Christi, des Sohnes Gottes im natürlichen Leibe dieser Welt,
im Geschlechte Adams, ist eine Kenosis, Erniedrigung und Hinabsteigen Gottes,
das sich zur Befreiung von der Schwere und von der Verleibeigenschaftung des
natürlichen Leibes zwecks Durchlichtung und Umgestaltung des Leibes dieser
Welt, zwecks Auferstehung vom geistigen Leibe vollzieht, nicht aber zwecks
Verleibeigenschaftung und absoluter Heiligung dieses Leibes der Welt. Der
religiöse Materialismus, der den Leib der Welt verleibeigenschaftet und
verabsolutiert, ist eine verzerrte und entstellte Auffassung des Mysteriums der
Gottesinkarnation, ein Ableugnen des symbolischen Charakters dieser. Die Geburt
in der Welt, das Leben, der Kreuzestod und die Auferstehung des Sohnes Gottes
ist Symbol eines Ereignisses der geistigen Welt, geheimen, geistigen Lebens
[…]. Der ganze Leib der Welt ist ein Symbol des Geistes, Spiegelung und
Darstellung, Zeichen einer anderen Realität, von etwas, das unendlich viel
entfernter und tiefer liegt. Alles, was wir als kreatürliche Natur bezeichnen,
ist nicht Realität an sich, sondern symbolische Realität, symbolische
Spiegelung von Wegen der geistigen Welt. Das Verknöchern des Leibes der Welt
ist nur ein Wahrzeichen von sich vollziehenden Niedergängen in der geistigen
Welt" (64).
Berdjajew legt stets größten
Wert darauf, zu verdeutlichen, dass die natürliche Welt nicht dahingehend
verknöchert und abgeschlossen wird, dass sie für Gottes Unendlichkeit
undurchdringlich wird, dass also ein religiöser Naturalismus entsteht,
"demzufolge Gott von der natürlichen Welt endgültig entfernt und der
Geist" ganz erstickt wird. Es kommt darauf an, die natürliche Welt nicht
außergöttlich zu verstehen und den Zusammenhang zwischen beiden Welten stets im
Blick zu behalten, weil diese ganzheitliche Sicht einen unheilvoll spaltenden
Dualismus – hier die Welt und dort Gott – verhindert.
Stets geschieht auch im
normal-christlichen Bewusstsein dieser irreführende Prozess: "Der den
Menschen mit der Tiefe des göttlichen Lebens verbindende Geist wurde gleichsam
aus dem Menschen herausgenommen und nach außen, in die transzendente Ferne
projiziert". Um Berdjajews Anliegen noch besser zu verstehen, zitieren wir
einige Aussagen aus "Wahrheit und Offenbarung", die an Deutlichkeit
nichts zu wünschen übrig lassen: Es ist historisch eine Tatsache, dass Gott
zunächst einmal auf einer spirituell-geistigen Stufe betrachtet und an ihn
geglaubt wird, wie es dem Volk angemessen ist. "Die alte biblische
Vorstellung von Gott kann kaum mit unserem religiösen Denken harmonieren. Schon
die Propheten durchbrachen die Grenzen des biblischen Verstehens Gottes, das
dem alten Hirtenstamm angepasst war. Unser jetziger Gott ist nicht ein
anthropomorpher und soziomorpher Stammesgott, ein Gott der Schlachten, ein
rachsüchtiger und mörderischer Gott. In der Offenbarung, die er durch seinen
Sohn gegeben hat, zeigt er sich selbst ganz anders. Göttliche Strahlen des
Lichts bleiben in der Bibel auch für uns, aber sie sind verborgen im Dunkel
einer weit entfernten Vergangenheit. Anthropomorphismus, Soziomorphismus und
Kosmomorphismus, die zu ihrer Zeit, an ihren Ort in der Geschichte und zu den
Begrenzungen des alten hebräischen Denkens gehören, haben ihre Spuren auch in
der christlichen Offenbarung hinterlassen" (65). Dennoch wird man hier
Berdjajew bei allem Wohlwollen im Blick auf seine "Kritik der
Offenbarung" entgegenhalten müssen, dass die Aufnahme der Offenbarung
stets über eine Vermittlung sich vollzieht, die die Offenbarung nicht sozusagen
chemisch rein erhält, sondern stets spielt der Mensch, der sie aufnimmt,
mit seinem Erkenntnisvermögen, mit seinen kulturellen und sonstigen Einflüssen,
die seinen Blick trüben, eine Rolle. Es gibt keinen Offenbarungsempfang, der
sich davon distanzieren könnte. Gott wurde nicht umsonst Mensch, er unterwarf
sich nicht umsonst den Aufnahmebedingungen der Endlichkeit, des endlichen
Geistes und Verstehens sowie des individuell unterschiedlichen Horizontes der
Offenbarungsempfänger. Wenn das Wort (der logos) Fleisch wird (Joh 1,14), so
ist dies eben die Kenosis Gottes, der seine Göttlichkeit ablegt und damit in
die bedingte Vorstellungskraft derer eingeht, die zu Empfängern der Offenbarung
werden (Phil 2,5-7).
In dem Zusammenhang der
Diskussion des Themas durch Berdjajew, wie der Empfang der Wahrheit, die sich
durch die Offenbarung dem Menschen vermittelt und jeweils verschiedenen sie
entstellenden Faktoren unterliegt, sich vollzieht und somit stets auch von den
kulturellen Faktoren der Zeit bestimmt und damit einer Strahlenbrechung
ausgesetzt ist, kann auch auf Hegel verwiesen werden, der diese Problematik in
der Einleitung zur "Phänomenologie des Geistes" beschrieben hat, wenn
er davon spricht, dass "zwischen das Erkennen und das Absolute eine sie
schlechthin scheidende Grenze falle". Dann heißt es: "Denn ist das
Erkennen das Werkzeug, sich des absoluten Wesens zu bemächtigen, so fällt
sogleich auf, dass die Anwendung eines Werkzeugs auf eine Sache sie vielmehr
nicht lässt, wie sie für sich ist, sondern eine Formierung und Veränderung mit
ihr vornimmt. Oder ist das Erkennen nicht Werkzeug unserer Tätigkeit, sondern
gewissermaßen ein passives Medium, durch welches hindurch das Licht der
Wahrheit an uns gelangt, so erhalten wir auch so sie nicht, wie sie an sich,
sondern wie sie durch und in diesem Medium ist. Wir gebrauchen in beiden Fällen
ein Mittel, welches unmittelbar das Gegenteil seines Zwecks hervorbringt; oder
das Widersinnige ist vielmehr, dass wir uns überhaupt eines Mittels bedienen.
Es scheint zwar, dass diesem Übelstande durch die Kenntnis der Wirkungsweise
des Werkzeugs abzuhelfen steht, denn sie macht es möglich, den Teil,
welcher in der Vorstellung, die wir durch es vom Absoluten erhalten, dem
Werkzeuge angehört, im Resultate abzuziehen und so das Wahre rein zu erhalten.
Allein diese Verbesserung würde uns in der Tat nur dahin zurückbringen, wo wir
vorher waren. Wenn wir von einem formierten Dinge das wieder wegnehmen, was das
Werkzeug daran getan hat, so ist uns das Ding – hier das Absolute – gerade
wieder soviel als vor dieser somit überflüssigen Bemühung […]. Oder wenn die
Prüfung des Erkennens, das wir als ein Medium uns vorstellen, uns das
Gesetz seiner Strahlenbrechung kennen lehrt, so nützt es ebenso nichts, sie im
Resultate abzuziehen; denn nicht das Brechen des Strahls, sondern der Strahl
selbst, wodurch die Wahrheit uns berührt, ist das Erkennen, und dieses
abgezogen, wäre uns nur die reine Richtung oder der leere Ort bezeichnet
worden" (66). An dieser Stelle sei ein Exkurs in antikes Denken erlaubt,
dem Hegel sich verpflichtet fühlte.
Exkurs
IV: "Vom Denken und Sein"
Wie hat Hegel diese erkenntnistheoretische
Frage gelöst? Er gibt wenig später in seiner "Phänomenologie des
Geistes" die Antwort: "Sie [die Wahrheit] setzt nämlich Vorstellungen
von dem Erkennen als einem Werkzeuge und Medium, auch
einen Unterschied unserer selbst von diesem Erkennen voraus; vorzüglich
aber dies, dass das Absolute auf einer Seite stehe und das Erkennen
auf der anderen Seite für sich und getrennt von dem Absoluten doch etwas
Reelles [sei], oder hiermit, dass das Erkennen, welches, indem es außer dem
Absoluten, wohl auch außer der Wahrheit ist, doch wahrhaftig sei, – eine
Annahme, wodurch das, was sich Furcht vor dem Irrtume nennt, sich eher als
Furcht vor der Wahrheit zu erkennen gibt" (67). Hegel nimmt also an dieser
Stelle den Gedanken des Parmenides auf, dass Denken [Erkennen] und Sein
[d.h. das Absolute] dasselbe seien. Insofern kann vom Erkennen nicht mehr als
einem vom Absoluten losgelösten Werkzeug oder Medium gesprochen
werden, das man einfach abziehen können, um dann den zu erkennenden Gegenstand
in seiner Reinheit zu erhalten. So hält er es wenig später für unnütze
Vorstellungen und Redensarten, von dem Erkennen als einem Werkzeug
zu sprechen, um mit diesem des Absoluten habhaft zu werden bzw. damit die
Wahrheit zu schauen – "Verhältnisse, worauf wohl alle diese Vorstellungen
von einem Erkennen, das vom Absoluten, und einem Absoluten, das von dem
Erkennen getrennt ist, hinauslaufen".
Zum besseren Verständnis
dieser philosophischen Traditionen, die Hegel mit der Antike verbinden, hier
einige erklärende Bemerkungen zum Thema von dem russischen Philosophen Dimitri
Nikulin: "Die antike Philosophie beharrt darauf, dass nur das Sein ist,
d.h. als Feststehendes verharrt, und dass man nur dank ihm etwas genau wissen
kann. Über das Veränderliche aber, über das, was bald existiert und bald nicht,
was sich ständig wandelt, so als spotte es und entziehe sich der aufmerksamen
Beobachtung der Vernunft, gibt es keinerlei Wissen, wie Platon betont, und kann
es auch keines geben – von Dingen, welche werden, kann man nur eine mehr oder
weniger wahrscheinliche, nicht völlig begründete Meinung (doxa) haben, die
jedoch die Wahrheit selbst nicht erreicht. Von der Wahrheit spricht das genaue
Wissen (episteme), welches nach Überzeugung der antiken Denker mit dem zu tun
hat, was anders nicht sein kann, das heißt, was einen höheren, absoluten
Grad von Zuverlässigkeit und Konkretheit besitzt, denn es stellt das dar, was
'so und nicht anders' ist, ein concretum, ein Stück Offenbarung der Wahrheit.
Genaues Wissen ist auf das ewige Sein gerichtet und nicht auf das, was
entsteht. Die Wahrheit lässt sich daher nicht beliebig auswählen, erzeugen oder
konstruieren. Die Wahrheit wird nicht geschaffen, sondern entdeckt, sie ist
eine absolute Gegebenheit. Die Wahrheit ist eine Erscheinung im Wissen, im
Denken dessen, was ist: nicht als eines Scheinbaren oder Imaginären oder
Veränderlichen, sondern als eines immer Verharrenden und Gedachten. Dabei
besitzt die Wahrheit eine solche Unerschütterlichkeit und Kraft, dass es sich
lohnt, sie zu denken, sie auszusprechen, ebenso wie sich die Lüge und das
Imaginäre als vollkommen ohnmächtig erweisen, als etwas, das sich selbst
aufhebt, so wie Sophokles sagt: "Wahrheit nur kann stets bestehen"
(68).
Nikulin fasst seine
Überlegungen zum Thema so zusammen: "Wahrhaftes Wissen spricht daher von
dem Gewordenen und Unveränderlichen, und es ist selber unveränderlich,
unwandelbar und vollendet – das, was schon ist. Die wichtigste Grundlage der
griechischen Philosophie ist der Satz von der Identität von Sein und Denken:
Insofern das Denkende das denkt, was sich selbst gleich ist, was nicht vergeht,
ist es, und insofern es ist, denkt es – es kann nicht anders als denken. Nur
das Sein ist intelligibel; 'Ein und dasselbe ist Denken und Sein", lautet
der berühmte Ausspruch des Parmenides. Das Sein ist das, was an und für sich
ist, und durch Teilhabe an ihm existiert alles Übrige – die Welt der
vergänglichen Dinge und Ereignisse. Außerdem wird das Sein aus sich selbst
definiert und alles andere aus ihm: Das Werden hat als Veränderliches und
Vergängliches keine eigene Ursache und keinen eigenen Anfang, welchen es nur im
Sein findet, das unzerstörbar und ewig ist" (69).
Kehren wir nach diesem kurzen
Exkurs in die Antike zu unserem Leitthema zurück: N.Berdjajew musste erkennen,
dass auch die biblische Offenbarung stets eine gott-menschliche
Offenbarung mit einem menschlichen Anteil ist, der bei aller von ihm
geforderten Kritik der Offenbarung im kantischen Sinne nicht einfach zu
eliminieren war. Sein religionsphilosophisches Spätwerk "Wahrheit und
Offenbarung" ist eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit diesen hier
angedeuteten Fragen, die in ihrer Tiefe bis heute für uns noch nicht erledigt
sind.
Bei unserer Fragestellung
lassen wir uns von Berdjajew leiten, der den vorliegenden § 3 mit der
Feststellung beschließt, dass die Wahrheit vom Menschen im Christentum
"nicht endgültig und nicht vollständig offenbart" und in der
religiösen Anthropologie ein Teil der Wahrheit verhüllt bleibt. "Dem
Menschen selbst wird überlassen, diesen [Teil] im freien schöpferischen Akt des
Selbstbewusstseins endgültig zu offenbaren. Wenn die ganze Wahrheit vom
Menschen offenbart wäre, so bliebe für den Menschen nichts mehr übrig.
Verborgen bliebe der göttliche Gedanke vom Menschen – die Offenbarung seiner
schöpferischen Freiheit durch den Menschen selbst, die freie Antwort an Gott,
die freie Liebe zu Gott" (70).