Der Gedanke der Anthropodizee 11
Zu
§ 12f
Berdjajew sieht zwei Aspekte
des Heilsgeschehens, die in der Gestalt Christi verankert sind: Während die
Erlösung zum leidenden Aspekt des Gekreuzigten gehört, so ordnet der Philosoph
das Schaffen dem verherrlichten und mächtigen Sohne Gottes zu. Als der absolute
Mensch kommt der gekreuzigte und in seiner Herrlichkeit erscheinende
Wiederkommende als ein und derselbe Christus. "Das endgültige Geheimnis
des Menschen offenbart sich nicht nur in der knechtischen Gestalt Christi,
sondern auch in der königlichen, nicht nur in seiner Opfer-, sondern auch in
seiner Machtgestalt. Das schöpferische Geheimnis der menschlichen Natur ist dem
Kommenden Christus, der Kraft und der Herrlichkeit des absoluten Menschen
zugewandt" (a.a.O., S. 282). In visionärer Kraft des Wortes heißt es
weiter: "Die dritte, schöpferische Offenbarung im Geiste wird keine
heilige Schrift haben, wird keine Stimme von oben sein; sie wird sich im
Menschen und in der Menschheit vollziehen, sie ist eine anthropologische
Offenbarung, die Enthüllung der Christologie des Menschen. Gott erwartet vom
Menschen die anthropologische Offenbarung als Antwort auf Seinen Ruf, aber der
Mensch kann sie nicht von Gott erwarten. Die dritte Offenbarung kann man nicht
erwarten, sie vollzieht sich im schöpferischen geistigen Leben des Menschen
selbst, in der letzten Freiheit des Menschen" (38). Diese prophetischen
und fast ekstatischen Worte Berdjajews deuten hin auf eine von dem russischen
Denker erwartete eschatologische Vollendung und erinnern in ihrer chiliastischen
Erwartung des Kommenden an das letzte Kapitel "Die neue Geistigkeit – die
Realisierung des Geistes" in seinem Spätwerk "Geist und
Wirklichkeit", wo Berdjajew ein Christentum erwartet, das "seinen
evangelischen und prophetischen Quellen nach nicht asketisch, sondern
messianisch und revolutionär" ist (39).
Er wendet sich gegen jede
Historisierung der biblischen Geschichte und besteht auf der Gegenwart dessen,
welches das lethargische und träge Christentum seiner Müdigkeit und
Uninspiriertheit entreißt: "Die reine Geistigkeit duldet keine
Sakralisierung eines geschichtlichen Ereignisses; für heilig hält sie nur Gott
und das Göttliche im Menschen: die Wahrheit, die Liebe, das Mitleid, die
Gerechtigkeit, die Schönheit, die schöpferische Inspiration […]. Jede Einschränkung
des Geistes bringt das geistige Leben mit dem Endlichen zusammen und
verschließt es vor dem Unendlichen" (40).
Berdjajew lässt es nicht zu,
das Schaffen in ein statisches "Jenseits" zu verlegen, sondern für
ihn gilt: "Aber das Christentum lässt Gott der menschlichen Natur immanent
sein und gibt daher ein Auseinanderreißen der diesseitigen und jenseitigen Welt
durchaus nicht zu". Für ihn bedeutet das Kommen Christi – des Gottmenschen
– in diese Welt: "In dem freien Schaffen des Menschen muss sich die
Freiheit Christi, die Freiheit des absoluten Menschen enthüllen, denn der alte,
natürliche Adam hat seine Freiheit und schöpferische Kraft untergraben"
(41).
Verdeutlicht wird hier der
Gedanke eines überwundenen Dualismus von zwei Welten, von denen er oft –
manchmal auch missverständlich – gesprochen hat. Immer wieder hat Berdjajew
betont, wie sich beide Welten durchdringen und wie die Metahistorie stets in
die Historie hineinragt. In der "Philosophie des freien Geistes" wird
dies besonders deutlich: "Aber zwei Welten vermischen und verflechten sich
ineinander. Der Mensch ist gemischtes Sein: geistiges, übernatürliches und
seelisch-körperliches, natürliches. Der Mensch ist Schnittpunkt zweier Welten,
Stätte ihrer Begegnung, er gehört zwei Ordnungen an. Hierin liegt die
unendliche Kompliziertheit und Schwierigkeit des menschlichen Lebens"
(42). Wir könnten aus dieser Interpretation auch die menschliche Wesensstruktur
des noumenalen und des phänomenalen Seins besser verstehen. Das phänomenale ego
gehört der Endlichkeit und Zeitlichkeit an, das noumenale Ich bin (im
Sinne der johanneischen Ich-bin-Worte) könnte der noumenalen Sphäre zugeordnet
werden, also dem ewigen Sein, das der Persönlichkeit des Menschen
zugrunde liegt.
In vorliegenden Kontext geht
es dem Denker um die Schöpfung des neuen und ewigen Menschen, wie P.Klein ihn
in seiner Studie "Die 'kreative Freiheit' nach Nikolaj Berdjajew"
gewürdigt hat und dort den tiefblickenden Autor zitiert: "Der ewige
Mensch, der der Ewigkeit und Unendlichkeit zugewandte Mensch, […] ist zugleich
ein ewig neuer Mensch […]. Der neue Mensch, der wirklich neue Mensch, ist eine
Realisierung des ewigen Menschen, der das Bild und Gleichnis Gottes in sich
trägt […]. Das ganze Christentum war nichts anderes als ein Aufruf zur Wiedergeburt,
zur Geburt des neuen Menschen, des neuen Adam" (43).
Kannten frühere Epochen das
Schaffen nicht in seiner Dignität bzw. Offenbarungsqualität, die Berdjajew ihm
zuschreibt, war das schöpferische Geheimnis des Menschen nicht enthüllt bis auf
wenige, eben nur andeutende Spuren im Neuen Testament ["Wir sind ja Gottes
Mitarbeiter", 1 Kor 3,9], so bekommt das Schaffen nun eine ganz neue
Dimension, die auch als "Schöpfungsspiritualität" (M.Fox) in die
theologische Sprache und Literatur Eingang gefunden hat: "Die
schöpferische Erfahrung ist eine besondere religiöse Erfahrung und ein
besonderer religiöser Weg, die schöpferische Ekstase ist eine Erschütterung des
ganzen menschlichen Wesens, das Heraustreten in eine andere Welt. Die
schöpferische Erfahrung besteht neben der Erfahrung des Gebets und der Askese.
Die schöpferische Erfahrung ist ursprünglich, hat ihre eigenen tiefen Wurzeln,
ist nicht abgeleitet" (44).
Diese Tatsache, dass sie
nicht abgeleitet ist, deutet hin auf ihren Ursprung: die schöpferische
Erfahrung und das Schaffen verdanken sich dem "Nichts", wobei dieses
"Nichts" nicht ein Nichts im üblichen Sinne ist, sondern
vielmehr ein "Nichts" als Quellgrund aller Gestaltungen (45).
M.Fox hat ebenfalls auf diese
Zusammenhänge hingewiesen, wenn er aus einer – östliches und westliches
Christentum verbindenden – Sicht schreibt: "Unser Erleben des Nichts ist
die Grundlage unserer lebendigen Tiefe […]. Die Erfahrung des Nichts ist auch
deshalb Voraussetzung der Befreiung, weil man zu jenem Nullpunkt gekommen sein
muss, an dem man nichts mehr zu verlieren hat, um sich ganz der Befreiung
widmen zu können […]. Wie Meister Eckhart sagt: 'Außerhalb von Gott ist nichts
als nur das Nichts'" (46).
Dass auch der Gedanke des schöpferischen
Nichts für N.Berdjajew von außerordentlicher Bedeutung war – wie wir aus
seiner Autobiographie "Selbsterkenntnis" wissen – seien noch einige
Bemerkungen von M.Fox angefügt: "Jede Erfahrung des Nichts kann für uns
eine Heilungserfahrung werden, die uns wieder ganz werden lässt und uns zu
unserem Ursprung zurückführt. Ohne diese Verbindung zu dem Nichts, aus dem wir
entsprungen sind, wissen wir nicht zu schätzen, wie eigenartig wir und alle
anderen Wesen sind, mit denen wir den Kosmos teilen. Ohne Verbindung mit dem
Nichts verlieren wir die Achtung vor dem Sein" (47). Der amerikanische
Autor ergänzt wenig später: "Ohne Via Negativa gibt es keine Neuschöpfung
oder Kreativität. Ohne die Stille, die entsteht, wenn wir alle Bilder
loslassen, ohne das Leerwerden und Entleertwerden, das ein erfülltes Leben mit
sich bringt, ohne das Versinken in das namenlose Nichts können wir nicht
wachsen. Denn, so warnt uns Eckhart, unsere Seele wächst nicht durch Hinzufügen
(Addition), sondern durch Wegnehmen (Subtraktion). […] Wir müssen den Nullpunkt
anerkennen, aus dem jede Neuschöpfung hervorgeht" (48). Insofern kommt
M.Fox zu der den Dualismus überwindenden Aussage: "Unser Schöpfer ist
Quelle von allem, sogar vom Nichts […]. Unsere Schöpfergottheit ist ein Gott
des Nichts wie auch des Seins – eine Sowohl-als-auch-Gottheit, die uns zu einem
Sowohl-als-auch-Leben ruft […]. Die dunkle Nacht unserer Seele ist eine
besondere Gelegenheit zur göttlichen Geburt, jedenfalls sofern wir eine
Zeitlang die Dunkelheit und das Nichts zulassen können. Ohne das Nichts gibt es
keine Schöpfung und keine Neuschöpfung: nur eine Wiederholung und Umgestaltung
dessen, was es schon gibt oder gegeben hat" (49).
Da N.Berdjajew auch diese
Phasen des Nichts krisenhaft erfuhr, bevor der fast lebenslange schöpferische
Aufschwung ihn umso stärker zum geistigen Schaffen unablässig antrieb, wenden
wir uns noch Gedanken des bedeutenden japanischen Philosophen Keiji Nishitani
zu, der aus seiner östlich-buddhistischen Sicht versuchte, als werdender
Buddhist und als werdender Christ – wie er schrieb – eine Brücke
zwischen den in ihm fast integrierten Religionen zu schlagen versuchte. Er
hatte erkannt, dass es für den Menschen keine Möglichkeit gibt, aus eigener
Kraft für die Erlösung und Liebe, die von Gott zu uns kommt, empfänglich zu werden.
Dennoch könne dieses "Selbst" zum Ort des Empfangens werden und zwar
an der Stelle, wo das Selbst zu nichts geworden, d.h. vernichtet worden
ist. Wie dies geschieht, hat er eindrucksvoll beschrieben: "Diese
Dimension des Nichts ist den Menschen nicht eingeboren wie die Vernunft. Sie
ist weder etwas Korrumpiertes noch etwas nicht Korrumpiertes. Sie ist einfach
Nichts, das Nichts, welches im tiefsten Selbst-Gewahrwerden des Menschen als
die Grenze seines Seins erscheint […]. Gottes Liebe, so heißt es, ist in
Christus offenbar geworden, und Christus 'entäußerte sich selbst, indem er
Knechtsgestalt annahm'. Diese Selbst-Entäußerung bedeutet ein
In-sich-leer-Werden und daher Knecht-Werden, Leer-Werden (kenosis). Der
Herkunftsort der Inkarnation (sogar in Knechtsgestalt) befindet sich in Gott
selber, da, wo er, der Liebende, in sich leer wird; in jenem Ort der kenosis
in Gott. Und das 'Nichts', welches in der Realisation der Sünde im Menschen
hervorkommt, mag als Korrelativ zu diesem 'Sich-Entäußern' göttlicher Liebe
gedacht werden" (50).
Der § 13 wird damit
beschlossen, dass Berdjajew in seinen Überlegungen durch Christus, den
Gott-Menschen, die menschliche Natur erlöst sieht, erlöst freilich in der Form,
dass der Mensch sich seiner Gottgleichheit und Gottessohnschaft bewusst wird,
die wiederhergestellt wurde. Erlösung in diesem Sinne meint also die
Befreiung zu einer neuen, veränderten Bewusstseinsstruktur, meint Blindenheilung
(vgl. Joh 9) und strukturelle Wesensveränderung: "Durch die
Erlösung wird die menschliche Natur geläutert und verklärt, aber nicht
ausgelöscht und vernichtet. Im Menschen verbirgt sich die Energie der
schöpferischen Ekstase, und sie muss befreit werden" (51).
Exkurs
VII: Das Schaffen und die Rechtfertigung des Menschen (Anthropodizee) im
Spiegel von N.Berdjajews Autobiographie "Selbsterkenntnis"
Das Schaffen spielt auch im
8. Kapitel von Berdjajews Autobiographie "Selbsterkenntnis" eine
bedeutsame Rolle. Dieses Kapitel ist überschrieben: "Die Welt des
Schaffens / Der Sinn des Schaffens und das Erlebnis der schöpferischen
Ekstase" (52) Der Philosoph sieht hier wie in seinen anderen Werken
"das Thema vom Schaffen, von der schöpferischen Berufung des
Menschen" als "das fundamentale Thema meines Lebens" an.
"Diese Themenstellung war nicht das Ergebnis meines philosophischen
Denkens, vielmehr war es eine erlebte innere Erfahrung, eine innere Erleuchtung
[…]. Mich beunruhigte die Frage nach dem Verhältnis von Schaffen und Sünde, von
Schaffen und Erlösung. Ich durchlebte eine Periode eines äußerst zugespitzten
Bewusstwerdens der Sündhaftigkeit des Menschen. Und ich begab mich in die
Tiefen dieses Bewusstseins. Das waren wahrscheinlich jene Augenblicke, die der
Orthodoxie am nächsten kamen. Wenn aber das Sündenbewusstsein ein
unvermeidliches Element des geistigen Weges ist, der mir persönlich durchaus
eigentümlich ist, so führt die ausschließliche Selbsthingabe an dieses
Bewusstsein und die unendliche Vertiefung in es zu einem Empfinden der
Niedergedrücktheit und zu einer Schwächung der Lebenskraft. Das Sündenerlebnis
kann der Erleuchtung und der Wiedergeburt voraufgehen; es kann aber auch zu
einer unendlichen Verdichtung der Finsternis werden. Das Sündenerlebnis, als
einziges und alles umfassendes Prinzip des geistigen Lebens betrachtet, vermag
nicht zu einem schöpferischen Aufflug und zur Erleuchtung zu führen; es muss in
ein anderes Erleben übergeleitet werden, damit eine Wiedergeburt des Lebens
erfolgt" (53).
Berdjajew hat sich immer
wieder die Frage vorgelegt, wie die Niedergeschlagenheit zu überwinden sei und
welchen Weg man einschlagen müsste, um einen Übergang zum Aufschwung zu finden.
Normalerweise verhält es sich nach seiner Ansicht so, dass zwar die Gnade von
oben, von Gott her, erfolgt. Doch diesem noumenalen Einbruch aus der Höhe
korrespondiert beim Menschen nur das Erlebnis der Sündhaftigkeit und der
menschlichen Nichtigkeit, wie es sich etwa bei der Gottesbegegnung des
Propheten Jesaja vollzieht ["Wehe mir, ich vergehe" Jes 6,5]. Hier
stellt sich also das Problem der Anthropodizee, der Rechtfertigung des
Menschen, der mit seiner Existenz Antwort geben muss.
Der Philosoph kommt deshalb
zur vorläufigen Aporie: "Meine Frage besteht nun darin, ob die
Gnadenkraft, die das Bedrücktsein durch die Sünde überwindet, auch vom Menschen
her erfolgen kann? Kann ein Mensch sich selber rechtfertigen – nicht allein
durch Unterwerfung durch die höhere Macht, sondern auch durch seinen
schöpferischen Aufflug? Zur Klarstellung meines Gedankens wäre es sehr wichtig
zu verstehen, dass mir das Schaffen des Menschen nicht als menschliche
Forderung und Recht sich darstellt, sondern dass es eine Forderung Gottes an
den Menschen und eine Pflicht des Menschen ist. Gott erwartet den
schöpferischen Akt vom Menschen her als eine Beantwortung des Menschen im
Hinblick auf den schöpferischen Akt Gottes" (54). Dieser schöpferische Akt
Gottes begegnet dem Menschen zunächst einmal in der Form der
Niedergeschlagenheit, der Leere, des Nichts und der Vernichtung. Aber in eben
diesem Nichts und aus diesem Nichts heraus kann und soll sich die schöpferische
Kraft des Menschen erheben. Man mag sich bei dieser Beschreibung an die
Geschichte vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) erinnert fühlen.
Dieser Gedanke wird von dem
russischen Autor mehrfach wiederholt, hier ein Beispiel aus seiner Autobiographie:
"Der schöpferische Akt des Menschen und die Geburt von etwas Neuem in der
Welt lassen sich nicht aus einem eng umzirkelten Seinssystem begreifen. Das
Schaffen ist nur möglich, wenn man die Freiheit voraussetzt, eine Freiheit, die
durch das Sein nicht determiniert ist, die nicht aus dem Sein abgeleitet wird.
Die Freiheit wurzelt nicht im Sein, sondern im 'Nichts', Freiheit ist
'unbegründet', durch nichts bestimmbar, sie befindet sich außerhalb aller
kausalen Zusammenhänge, denen das Sein untergeordnet ist und ohne welche ein
Sein nicht gedacht werden kann" (55).
Der Autor erklärt gegenüber
kritischen Einwürfen, wenn es auch ein Schaffen aus dem "Nichts" und
aus der "Freiheit" sei, der schaffende Mensch bedürfe im
schöpferischen Akt der Materie. Dennoch gilt für ihn: "Aber der
schöpferische Akt des Menschen kann nicht in Gänze durch das Material bestimmt
sein, das die Welt darbietet; es ist in ihm etwas Neues enthalten, das – nicht
determiniert – durch die Welt von außen her ist. Das ist eben jenes Element der
Freiheit, dass es zu einem jeden wahrhaft schöpferischen Akt unerlässliche
Zugabe ist. Hierauf beruht das Geheimnis des Schaffens. In diesem Sinne ist
Schaffen ein Schaffen aus dem Nichts" (56). Wenn Gott die Welt aus dem
"Nichts" geschaffen hat, so sieht Berdjajew: "Das Schaffen [des
Menschen] ist Fortsetzung der Weltschöpfung. Fortsetzung und Vollendung der
Weltschöpfung ist ein gottmenschliches Werk, ein Schaffen Gottes mit dem
Menschen, ein menschliches Schaffen mit Gott" (a.a.O., S. 238f.).
Diese schöpferische Kraft,
sein Schaffen ist Forderung Gottes an den Menschen. Deshalb folgt die
Konsequenz: "Gott konnte aber dem Menschen nicht das offenbaren, was der
Mensch Gott zu offenbaren verpflichtet ist. In der Hl. Schrift finden wir keine
Offenbarung über das Schaffen des Menschen. Das hat Gott nicht erschlossen,
sondern verschlossen […]. Das schöpferische Wagnis stellte für mich eine
Erfüllung des göttlichen Willens dar; indessen war der Wille mir nicht
erschlossen, sondern verschlossen und dieses Wagnis ist am wenigsten gegen Gott
gerichtet. Das Thema vom Schaffen habe ich in das fundamentale Thema vom
Gottmenschentum eingebaut; es ist durch den gottmenschlichen Charakter des
Christentums gerechtfertigt. Gottes Idee vom Menschen ist unendlich viel höher
als die traditionellen orthodoxen Vorstellungen vom Menschen sind, die ihre
Entstehung einem bedrückten und verengten Bewusstsein verdanken. Die Idee Gott
ist des Menschen erhabenste Idee. Die Idee Mensch ist die erhabenste Idee
Gottes. Der Mensch wartet auf die Geburt Gottes in ihm selber. Gott wartet auf
die Geburt des Menschen in ihm selber. In dieser Tiefe hat die Frage vom
Schaffen gestellt zu werden […]. In der Tiefe des Göttlichen Lebens ruht, von
Ewigkeit her gegeben, das Menschliche, das Drama der Beziehungen Gottes und
seines 'Anderen', des Göttlichen und Menschlichen zugleich. Und dieses
erschließt sich in der geistigen Erfahrung des Menschen, nicht etwa in einem
theologischen Erkenntnisakt […]. Die schöpferische Ekstase (denn das ist der
schöpferische Akt immer – eine Ekstasis) ist immer ein Durchbruch in die
Unendlichkeit" (57).
Wie bei Berdjajew selbst der
Übergang des gleichsam verengten Bewusstseins und der Schwermut überwunden
wurde, schildert er sehr persönlich: "Und ich habe den Zustand der
Niedergedrücktheit überwunden, habe den Zustand eines großen Aufschwungs
erfahren. Es war das eine wahrhafte innere Erschütterung und Erleuchtung.
Dieses geschah im Sommer, auf dem Gut. Ich lag im Bett und bereits gegen Morgen
war plötzlich mein Wesen erschüttert von einem schöpferischen Aufschwung, und
ein starkes Licht erleuchtete mich. Ich hatte den Übergang von der
Niedergedrücktheit durch die Sünde zum schöpferischen Aufschwung vollzogen. Ich
verstand, dass das Sündenbewusstsein den Übergang hin zum Bewusstsein des
schöpferischen Aufschwungs finden muss, wenn der Mensch nicht abstürzen soll.
Es sind das verschiedene Pole der menschlichen Existenz. Das Mysterium des
Christentums ist mit dem Mysterium der Rechtfertigung nicht erschöpft.
Rechtfertigung ist nur einer der Akte des Mysteriums […]. Mittels der Erfahrung
des Schöpfertums lässt sich Niedergedrücktheit, Gespaltenheit, Knechtung
überwinden durch Verlagerung nach außen. Ich wiederhole, dass ich mit dem Wort
Schaffen allemal nicht das Schaffen von Kulturerzeugnissen verstehe, sondern
Erschütterung und Aufflug des ganzen menschlichen Wesens, das sich einem neuen
höheren Leben, einem neuen Sein zuwendet. Zugleich mit der schöpferischen
Erfahrung erschließt sich dem Menschen, dass das 'Ich', das Subjekt,
urtümlicher und höher steht als das 'Nicht-Ich', das Objekt. Zugleich aber ist
das Schaffen dem Egozentrismus entgegengesetzt: es ist ein Vergessen seiner
selbst, ein Streben nach dem, was höher ist als ich. Die schöpferische Erfahrung
ist kein Reflex, hervorgerufen durch die eigene Unvollkommenheit, vielmehr ist
sie eine Hinwendung zur Verklärung der Welt, zu einem neuen Himmel und zu einer
neuen Erde, die der Mensch bereiten soll" (58).